Die Liebe zu den drei Rosinen
Der Mikrokosmos ist eine unerschöpfliche Wunderkammer. Eine Welt der kleinen Dinge, kleinen Lebewesen, kleinen Gesten und kleinen Genüsse, die sich unser Leben lang mit den Petitessen unserer Wahrnehmung gefüllt hat. Bei mir sind es ein paar Knöpfe. Eine prall damit gefüllte Schachtel habe ich von meiner Mutter geerbt. Darunter sind viele bunte Knöpfchen von den selbst genähten Kindersachen, aus denen wir herausgewachsen waren. Meine Mutter hatte sie abgetrennt, um sie bei Bedarf irgendwo anders verwenden zu können. Wir nutzen die Knöpfe heute in der Familie als Spielmarken für unsere Einsätze beim Kartenspielen. Jedes Mal fische ich mir für mich aus der Schachtel eine Handvoll der kleinen Kinderknöpfe heraus. Sofort sehe ich die Kleidchen, Jacken und Blüschen wieder, die ich einmal getragen habe und von denen diese Knöpfe als letzte Erinnerungshäkchen überlebt haben. Ich spüre jedes Mal eine leise Wehmut über den viel zu frühen Tod meiner Mutter. Zugleich fühle ich große Dankbarkeit für alles, was sie mir in ihrer Sorgfalt und Liebe mit auf den Weg gegeben hat. Aber bevor es sentimental wird, vermischt sich meine Erinnerung mit der Augenblicksfreude am gemeinsamen Spiel in der Familie. Ich genieße unser Gelächter zwischen Verlieren und Gewinnen und sammle hinterher meine Knöpfchen mit dem Gefühl ein, dass sich das große Spiel des Lebens in solchen Momenten aufs Glücklichste gespiegelt hat.
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Marion Küstenmacher ist Theologin, Germanistin und Coach für spirituelle Persönlichkeitsentwicklung. Sie lebt in Gröbenzell bei München.

