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Wie das Einzigartige des Erlebten in Worte fassen?

vom 01.04.2020
von N. N.

Alle, alle sind wir doch von der Corona-Krise betroffen!

Seit einem Jahr waren Vorplanungen und Vorbereitungen am Laufen, denn seit nun einer Woche bin ich siebzig Jahre lang auf dieser unserer Welt!

So lange und heftig ich mich gegen ein Absagen des Fests gestemmt hatte, wusste ich am 13. März, dass die Verantwortung für all die mir lieben Menschen die Entscheidung erforderlich machte.

Alles anders. Leer. – Was nun?

Ich wusste, ich werde siebzig, der Tag kommt unaufhaltsam näher, ob nun mit oder ohne Fest.

Es war nach 10 Uhr, eine Flasche Sekt stand bereit, als es klingelte. »Nein, nicht über die Türschwelle!« Ich warf Jacke und Schal über: draußen klarblauer Himmel, Sonne, Eiswind – raus in den Hof. Im Abstand von zwei bis drei Metern standen wir unterhalb der Wäscheleine im weiten Kreis.

Das zart klingende Geburtstagslied – ja, es ist Wirklichkeit! Hören, schauen, die Freundinnen, sie sind da. Dorothee ungefrühstückt – sonst doch jährliche Tradition.

Was in meinem Inneren geschah, ist nicht in Worte zu fassen.

Eine Art von Präsenz – anbetrachts der erzwungenen Situation –, wie sie unter normalen Umständen nie so sein können hätte, unter freiem Himmel …

Erika zog ein Papierblatt hervor mit einem selbst verfassten Text: »Darf ich?« »Kinder – Blumen« oder »Ruf zur Freude« war der Titel, in dem sie auch ein in mir gehütetes Geheimnis fasste, das, wenn auch weit zurückliegend, mich begleitet bis heute, Wiesenblumen, die Teil geblieben sind meines Seins und Freuens – Erika verstand, mit ihren Worten dem Wirklichkeit zu geben.

Ich stand, innerlich verblüfft über die so anders wahrgenommene Ebene – ich konnt‘s nur dankend, berührt, überrascht, eigentlich sprachlos erfreut annehmen, samt einem zierlichen Gänseblümchen-, Vergissmeinnicht- und Primelsträußchen.

Mit einem rosengeschmückten Hölderlin-Beitrag schloss sich Dorothee an:

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»... Denn tief und treu ward eine Seele dir;
Der Freunde Freundin zu sein, bist du geboren.
Dies zeugen dir am Feste wir.«

Wie konnte sie erahnen, was diese Verse Hölderlins mir bedeuteten?

Nicht zu vergleichen ist Gesprochenes, unter freiem Himmel im Offenen Rezitiertes mit gedruckt Gelesenem!

Intensität, diese Siebziger-Wirklichkeit, eines Werdens, Gewordenseins, zugleich Gegenwart fassend.

Alle waren wir ergriffen. Etwas war anders, so anders als sonst …

Wir stoben auseinander, durchgekühlt, am Rand des grad noch Erträglichen.

»Der Himmel geht über allen auf« … »auf alle über« … stand für all die vielen Lieder, Freundinnen und Melodien, die zugleich unter und zwischen uns waren …

Alles blieb improvisiert: die einzigartige Torte meiner Tochter am Nachmittag, Erika rezitierte nochmals jenseits des Gartenteichles, meine Schwester zu Besuch, im einzig windgeschützten Sonneneckle vor dem Haus …

Wie das Einzigartige dieses Erlebten in Worte fassen?

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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