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Was uns leben lässt

vom 08.06.2020
von Monika Urban

In der Corona-Pandemie wurden Ausgangssperren gelockert, Lokale vorsichtig wieder geöffnet. Endlich wieder ein Stück »Normalität«. Es waren harte Erfahrungen. Alles auf Distanz und Begrenzung, das gesellschaftliche Leben zurückgefahren. Keine schöne Zeit.

Doch – ich halte inne: Waren da nicht auch Lernerfahrungen, bereichernde Momente? Gibt es etwas, das ich mitnehmen möchte, nicht vergessen? Bilder tauchen auf.

In der Erinnerung ist da ein Spaziergang, ziemlich am Anfang der Corona-Krise, raus aus der Enge und düsteren Stimmung in die freie Natur. Eine Bank, von den ersten Frühlingssonnenstrahlen beschienen. Von da der Blick in die Weite und zum blauen Himmel. Welch herrliches Wolkenspiel, nicht zerfurcht von Kondensstreifen vieler Flugbewegungen. Ach ja, wie leise es ist. Weniger Verkehr auf der Straße ist zu hören, dafür Zwitschern der Vögel. Wie wunderbar wohltuend, die Stille und die Jahreszeit. Die helle Sonne und das Aufbrechen der Knospen an den Bäumen! Am Ostersonntag die Beobachtung: Es sind ungewöhnlich viele Spaziergänger unterwegs, auch junge Leute darunter. Ein Zuwinken und Fragen aus dem Abstand nach dem Wohlergehen. Es tut gut, Menschen zu treffen oder Botschaften aufs Handy geschickt zu bekommen, die vom Frühling sprechen und aufmuntern wollen. Lieder und Musik von vielen Einzelnen, zusammengefügt zu einem Chor oder Orchester, anrührend. Ich merke, wie wichtig doch Beziehungen sind. Gespräche übern Gartenzaun. Gemeinsames Beklagen und auch wieder Mut fassen, Solidarität spüren.

Mehr Telefonanrufe: »Es ist schön, deine Stimme zu hören!« Und: »Weißt du noch? Ach ja, lang ist es her!« Länger sitzen bleiben am Frühstückstisch und bei den Mahlzeiten, dankbar, dass man zu zweit ist. Einkaufen im Dorf mit dem Fahrrad, die Menschen sind vertraut und Gedankenaustausch ist möglich. Größere Unternehmungen gehen nicht, unsere gebuchte Reise wurde abgesagt. Also bleibt mehr Zeit zu Hause, die ich nutze, um zu entrümpeln. Dabei fallen mir zwei Bücher in die Hand mit den Titeln: »Was uns leben lässt« und »Wir sind in so viel Ängsten und siehe wir leben«. Wie passend, denke ich. Wir sind am Leben! Unsere Grundversorgung ist gesichert, für das Lebensnotwendige ist gesorgt. Die Medizin rüstet flächendeckend auf. Besonnen und ernsthaft versuchen unsere Politiker in Deutschland, der Krise Herr zu werden, machen sie zur Chefsache, beraten sich mit Vertretern der verschiedenen Berufsgruppen und Wissenschaftlern. Zeitungen bringen Beispiele von gelebter Hilfsbereitschaft und Solidarität, von Freiwilligendiensten und Nähaktionen. Eltern sind zu bewundern, wie sie Homeoffice, Kinderbetreuung und Homeschooling auf die Reihe kriegen und durchhalten im Abstandnehmen und Zusammenstehen. In unserm Briefkasten finde ich einen selbst gebastelten Brief. Ein Blumenstrauß und ein Einhorn sind drauf gemalt, Sticker aufgeklebt, in Großbuchstaben steht der Name unserer sechsjährigen Nachbarin. Anderntags wieder eine Überraschung, die mich motiviert, auch einen Gruß in ihren Postkasten zu werfen. So geht es ein paar Tage hin und her. Was uns leben lässt: Kleine Freuden und Zeichen, die die Stimmung aufhellen, das Gefühl geben, in der Krise nicht gottverlassen zu sein. Jesu Wort fällt mir ein: »Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt!« Da sind Lebenszeichen und Botschaften von Seelsorgern. Persönliche Worte, wie sehr sie mitleiden an der Situation, ihre Gemeinde vermissen. Es gibt kreative Ideen zur Stärkung im Glauben. Eine Aktion namens »Hoffnung hamstern«. Statt den Gottesdienst hinter verschlossenen Türen zu halten, hängt eine Pastorin Ge(h)danken zum Meditieren und Zusagen aus der Bibel an Bäume im Stadtpark nebenan und Segensworte auf Ostereiern an Sträucher, zum Mitnehmen. Tagsüber laden offene Kirchentüren zu einem Besuch ein, mit etwas Glück kann man die Organistin spielen hören. Am Kerzenständer brennen mehrere Lichter. Ich zünde auch eine Kerze an, blicke durch den Raum, atme durch und werde still. Es braucht das Zufluchtsuchen bei Gott, Rückversichern im Glauben, Ankerwerfen im Gebet. Auch zu Hause, immer wieder. Glocken läuten. Wir beten ein Vaterunser für den verstorbenen Bekannten aus unserer Pfarrei und seine Familie. Verbundenheit entsteht über Räume hinweg bei einem Gottesdienst vor dem PC oder Fernsehbildschirm. Wenn auch erst ungewohnt, so sind die neuen Kommunikationsformen doch gewinnbringend. Ich entdecke die Medienform des Webinars und finde es spannend.

Erste Lockerungen. Unsere Tochter schaut mit ihren Kindern vorbei. Die Enkelkinder flitzen im Hof. Es ist eine Freude, sie zu sehen, ihre junge und unbeschwerte Art zu erleben und zu merken: Es gibt auch noch Leichtigkeit! Die Rücknahme der Beschränkungen lässt uns aufatmen. In die Normalität, die Hektik und den Stress zurück soll’s gar nicht so schnell gehen, meint unsere Tochter, wir haben uns arrangiert, die Krise hatte auch ihr Gutes!

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Die positiven Erfahrungen darin zu sichten und kostbare Momente abzuspeichern, tut der Seele gut. Es ist wie bei einer anstrengenden Wanderung am Wegrand oder im Geröllfeld bunte Blumen zu entdecken.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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