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vom 11.06.2020
von Dieter Wechlin, Schweiz

Was ich nicht bin, ist ein Spötter, Spassvogel oder Satiriker, aber sicherlich ein AHVplus-Senior [AHV: eine Schweizer Rentenkasse], der sich danach sehnt, in aller Öffentlichkeit wieder berührt zu werden. Spontane Begegnungen und herzliche Blicke mit Abstand habe ich während den letzten sechs Wochen oft erfahren. Was aber nun passieren wird, wenn der Lockdown phasenweise gelockert wird, kann gegenwärtig kaum beantwortet werden.

Wird der Händedruck verschwinden? Werden Umarmungen verboten sein?

Mit diesen schwierigen Fragen im Rucksack bin ich als kritischer Beobachter tagsüber unterwegs. Und immer wieder erscheinen meine Zweifel, ob die Umwelt je wieder Berührungen zulässt und Menschen sich in die Arme fallen oder ich mich an das Social Distancing gewöhnen muss.

Keinesfalls möchte ich als Ketzer auftreten und das soziale Verhalten in unserer Gesellschaft kritisieren, aber dennoch frage ich mich ernsthaft, ob und wann ich den first kiss nach der Krise wieder erleben werde. Bitte ich die mir nahestehenden Nachbarn mit dem nötigen Abstand um Erlaubnis? Werde ich mir bekannte Personen je wieder im Tram oder Bus umarmen, ohne böse Blicke der anderen Fahrgäste zu empfangen? Und wie verhalten sich die Grosseltern ihren Geschwistern, Kindern und Grosskindern gegenüber? Werden sie sich an den Zustand ohne Abstand gewöhnen und dank der Erinnerung an vergangene Zeiten emotional am Leben bleiben?

Ich spaziere mit schweren Schritten nach Hause und verfolge mit grossem Interesse die heutige Pressekonferenz am Fernsehen und frage mich ernsthaft, ob ich in den nächsten Wochen die ersten Antworten auf meine vielen Fragen erhalten werde.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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