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vom 13.07.2020
von Erika Marner

Achte auf den Moment, er könnte dich selbst überraschen.

Mein Mann und ich sind beide 77 Jahre alt, zählen also zur Risikogruppe. Wir fühlen uns aber trotzdem privilegiert, da wir einen großen Garten haben, in dem wir arbeiten und uns aufhalten können. Außerdem wohnen wir ganz nahe am Wald. Wir nutzen beides. Da mein Mann im Herbst einen schweren Unfall hatte, müssen wir uns bei den Spaziergängen im Wald von Bank zu Bank hangeln und pausieren.

1. Wir sitzen also auf einer Bank in unmittelbarer Nähe der »Pionierquelle«. Da kommen zwei Jungs, so um die 20 Jahre, und klettern da rum. »Da steht ,Kein Trinkwasser‘«, sagt der eine.
»Alles Quatsch«, sage ich, »das steht da nur, weil die Stadt keine Haftung übernehmen will. Das Wasser ist sehr gut, das kommt direkt aus dem Wald. Im Krieg haben Soldaten die Quelle ausgebaut, und alle Soldaten sind damit versorgt worden. Bevor das Schild angebracht worden ist, kamen hier immer Ausländer mit Kanistern Wasser holen.« Die Jungs – selber Ausländer – sehen mich skeptisch an. »Ja«, sag ich, »die Ausländer, die hier Wasser holen, kennen etwas von gutem Wasser, die schmecken das, die können das beurteilen und wissen das aus Erfahrung.« »Das ist ein gutes Argument«, sagt einer und lacht, »das kann ich nachvollziehen.« Das Wort »Ausländer« ist jetzt positiv besetzt. Mit freundlichem Winken ziehen sie ab.

2. An einer Wegegabelung begegnen wir uns wieder. Der erste schafft trotz hohem Tempo die Kurve und saust den Berg hinunter. Der zweite ist so schnell, dass er geradeaus fährt und lachend neben uns zum Stehen kommt. »Da hast du aber Glück gehabt, dass du nicht bei diesem Tempo die Kurve genommen hast, du wärst bestimmt gestürzt.« »Ja, ja, Glück gehabt«, und lachend fährt er weiter.

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3. Wir sitzen am See auf einem Bänkchen, da kommen die beiden wieder. Sie sehen uns und kommen in unsere Nähe. »Na, da seid ihr ja wieder«, begrüße ich sie. Sie stellen ihre Räder ab, und einer dreht laute Musik auf. Ich muss lachen und fange an mich im Rhythmus zu bewegen. »Das ist kurdische Musik«, sagt einer. Sie lachen. Ich stehe auf und fange an zu tanzen. Das Hallo ist groß. Da stehe ich nun mit meinen 77 Jahren im Wald und tanze mit den kurdischen Jungs. Mein Mann unterstützt uns mit Lachen, und wir haben richtig Spaß miteinander. Mit bester Laune ziehen wir nach Hause, haben uns aber vorher noch eine gute Zeit gewünscht und verabschieden uns mit Winken und Lachen.

Gute Laune verbreiten und freundlich miteinander umgehen hilft, auch die Coronazeiten zu überstehen.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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