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Sei willkommen auf dieser Erde

vom 03.06.2020
von Maria Joosten

Im Mai 2020 wurde unser erstes Enkelkind geboren. Auf Grund der Corona-Beschränkungen hatten wir unseren Sohn und seine Frau schon seit Februar nicht mehr gesehen. Nun wurde das Kind im Krankenhaus geboren, Corona-Verdacht stand im Raum, und Besuche waren für uns nicht erlaubt. Es war keine einfache Geburt, und ich hatte riesige Sehnsucht nach den Kindern und wollte sie einfach nur umarmen, halten, unterstützen; aber wir wussten nicht, wie lange Mutter und Kind noch im Krankenhaus bleiben mussten und wann wir den ersten Kontakt haben würden. Voll innerer Unruhe und dem Bedürfnis, etwas zu tun, schrieb ich diesen Brief an meine Enkeltochter. Vielleicht wird sie ihn irgendwann einmal lesen, vielleicht auch nie. Mir hat es jedenfalls geholfen, meine Gefühle auszudrücken.

Liebe Liah, meine Enkeltochter,

wie sehr brennt in mir der Wunsch, Dich zu sehen … von Angesicht zu Angesicht, in echt und nicht nur digital … Aber es ist Corona-Zeit … Besuchsverbot im Krankenhaus, und da wirst Du mit Deiner Mutter noch einige Tage bleiben müssen. Und wir müssen uns in Geduld üben und uns von der Sehnsucht tragen lassen. Meine Gefühle wollen sich in Tun ausdrücken, aber bis ich Dich mal im Arm halten kann – das wird noch dauern. Was kann ich also jetzt tun? Nun, mir kam die Idee, ich schreibe Dir einfach einen Brief. Hier ist er:

Sei willkommen auf dieser Erde und herzlich umarmt – von Deiner Familie, vom Leben, vom Glück.

Die Welt ist voller Wunder, die Du nach und nach entdecken wirst – ich wünsche Dir, dafür immer offen zu bleiben.

Das Leben ist schön, auch wenn Schmerzen und Leid nicht außen vor bleiben; ich wünsche Dir immer Vertrauen – Vertrauen in Dich, in Deinen Weg und die Kraft, Deinen Weg zu gehen.

LIAH – Dein Name wird Klang, Gestalt, Gefühl – Worte, Begriffe und Bedeutungen entstehen beim Lauschen auf den Klang der Buchstaben.

L Liebe – Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, in ihr sind wir nie getrennt, sondern eins, auch über kilometerweite Entfernungen. Die Liebe ist größer als alles, fasst alles, hält alles.

I Innigkeit – In-Sein – in Deinem Körper, in der Welt, in der Tiefe des Seins, In-Fühlung-Sein.

A Atem – Im Atem können wir uns geborgen fühlen, kommen wir in Kontakt mit der Tiefendimension in uns, mit dem immerwährenden, unendlichen Jetzt.

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H Hoffnung – Hoffnung, dass auch in Zeiten von Sorgen und Not das Gute wachsen kann. Hoffnung, dass wir die Welt von morgen besser gestalten werden als heute.

Als Deine Eltern während der Schwangerschaft durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie bedrückt waren, erinnere ich mich, wie ich zu Deinem Vater sagte:

»Vielleicht wird Eure Tochter in eine Zeitenwende hineingeboren. Vielleicht kann Corona zu einem Entwicklungssprung für unsere Gesellschaften werden. Vielleicht lehrt uns diese Erfahrung, menschlicher, werteorientierter zu leben, bewusster zu leben.«

Es ist meine Hoffnung, dass wir alle diese Krise nutzen, um uns von alten, verstaubten und hinderlichen Ideen und Haltungen zu verabschieden, und den Mut und die Kraft aufbringen, eine menschlichere, ehrfürchtigere, in gewisser Weise vielleicht auch bescheidenere Lebens- und Arbeitswelt zu gestalten. Corona zwingt uns, bewusster zu leben, ist der Stolperstein, der unser immer schneller werdendes (Hinterher-)Rennen – höher, schneller, weiter – ausbremst und uns mit den wichtigen Fragen konfrontiert: Was zählt wirklich im Leben? Was ist mir wichtig? Was brauche ich und was nicht? Wir wissen nicht, was kommt, und sind auf uns und den gegenwärtigen Moment zurückgeworfen, aber genau da finden wir die Tiefe des Seins und das Bewusstsein und den Mut für den nächsten Schritt. Sind wir es nicht den Opfern dieser Pandemie schuldig, so viel wie möglich an positiven Entwicklungen daraus zu abzuleiten und zu lernen?

Warum sollen liebevolle Gedanken und friedvolle Ideen sich nicht genauso exponentiell verbreiten wie ein Virus? Wenn wir alle mindestens 1,1 Personen (oder besser noch mehr) mit dem Geist von Liebe, Mut und Mitgefühl »anstecken«, … wie kann das unsere Welt verändern? Das Virus macht uns doch vor, welche Macht in der Ansteckung liegen kann.

Liah – mögest Du mit Deiner Generation in eine gute Zukunft schauen können – und mögen wir alle die Kraft aufbringen, die von uns geforderten Schritte dafür zu tun.

Das hoffe ich aus ganzem Herzen, für uns, für Dich und alle Kinder, die heute und morgen geboren werden, hier und überall.

Deine Großmutter Maria

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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