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vom 23.09.2020
von Walter Hümmelink

Was jetzt im Frühjahr draußen blüht und grünt,
hat mit Corona kein Problem. Man ist beneidenswert immun.

Aus der Rinde dünner, dürrer Ranken drängen
Sprossen sich des wilden Weins hervor, beginnen
ihr Geflecht um Stäbe und Geländer des Balkons
wie jedes Jahr zu winden.

Nach oben steht der Sinn, auch nach den Seiten,
wenn im Gedränge sonst der Platz nicht reicht.
Schlanke, grüne Schlangenköpfchen, zart bewimpert,
tasten nach Halt mit forschenden Tentakeln,
wiegen schlingend, züngelnd sich im Wind.

Da ist die Hauswand – krall‘ dich fest!
Doch nicht für alle ist sie leicht erreichbar.
Man drängt und wuchert in die Quere, ballt
sich zusammen, wie um sich abzuwürgen:
Ziellose Verklumpung steht im Raum!

Zielstrebige Befreiung sucht ein forscher Einzeltrieb,
hängt schwankend – hilflos? – in der Luft.
Ein festes Seil vom Balkon darüber schafft Kletterstütze,
ein sanfter Anschub bietet Halt dem Abenteurer,
weist den Weg nach oben. Aber nur widerwillig
lässt der stramme Spross sich winden.
Wehrt Eigenwille Menschenhilfe ab?

Da ist auch noch der tatendurst‘ge Wändekletterer,
der selbstständig sich nach oben zieht.
Gleichauf sind bald die beiden Aktivisten,
Beispiele ungebrochener Lebenskraft.

Kaum merklich, doch stetig im Lauf der Tage
scheint man sich einander zuzuwenden.
Von dem Seil und von der Wand, sanft bebend,
nickt man sich scheinbar freundlich zu.
Steht innige Vereinigung bevor?
Das Bild rührt den Beschauer. Sonderbar:
Gibt es geheimes Leben, Zärtlichkeiten, nicht nur bei Bäumen?

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Doch die Natur, ganz klar, geht ihre eig‘nen Wege.
Sentimentales Schwärmen hat hier keinen Platz.
Am nächsten Tag hat alles sich verändert,
neue Interessen hat die Nacht geweckt.
Von dem weit entfernten Träger des Balkons
haben zwei andere Triebe sich entschlossen
in Richtung Hauswand aufzubrechen.
Der von der Wand hat sich gelöst und will sich recken.
Ist kühne, großangelegte Vereinigung geplant,
Verknüpfung, Netzwerk, entworfen in den leeren Raum?
(Der angepasste Seilumklammerer sei vergessen!)

Was soll das werden? Ist’s gut, wenn so der Regen
sich verfängt in künftig dichtem Blattwerk? Wenn
noch mehr Sichtschutz hin zum Nachbarn so entsteht?
Doch was ist mit der milden Abendsonne, dem Blick
ins abendliche Firmament?

Der Geist, akut mit Untergangsszenarien vertraut,
schlägt eine Volte in die ferne Zukunft, fantasiert:
Das unscheinbar-vitale Wirken der Natur
lässt Apokalyptisches erahnen.
Am Ende menschlicher Naturausbeutung wächst
Flora, selbstbestimmt und ungehemmt, im Einverständnis
mit all dem, was sonst noch überlebt,
über Menschenwerk hinweg.

Ist das tröstlich oder doch zum Resignieren?
Der von Notwendigkeit verfügte Überfluss an Zeit
schafft Raum zum Schauen und zum Spintisieren.
Wann wär‘ man sonst dazu bereit,
spielerisch ins Blaue hinein zu räsonnieren?
Noch sind wir nicht hilflos dem Untergang geweiht:
Wenn Bändigung nicht mehr gelingt,
wenn auch das Herz dann blutet,
bleibt immer noch der scharfe Schnitt.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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