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vom 22.06.2021
von Dörle Joachimsmeyer

Ich hatte nur einen Zettel: 17. April 2021, 18.30 Uhr.

Seit Februar hing er an der Pinnwand. Endlich 17. April, ein Sonnabend. Meine Tochter fuhr mit mir nach Unna. Sie wollte mich nicht allein lassen. Wir erreichten das Impfzentrum und reihten uns ein in die Schlange, mit Abstand. Ich hatte Sorge, dass mein Name nicht in der Liste stand, denn ich hatte nur diesen handgeschriebenen Zettel. Endlich! Der Mann blätterte in der langen Liste, suchte, ich wurde schon unruhig, merkte an, dass ich zu den über 80-Jährigen gehörte, er suchte, und endlich, da stand mein Name. Alles gut! Wir wurden in die riesige Sporthalle gewiesen. Erster Eindruck: alles ist sehr geordnet, ganz ruhig. Was mir sofort ins Auge fiel, überall waren Stühle gerichtet, einzeln, in Zweier- oder Dreier-Gruppen. Uns wurde freundlich gezeigt, wo wir Platz nehmen durften. Wir passierten nacheinander alle Stationen, Aufnahme, Beratung, Impfung, immer freundlich geleitet- und dann die Impfung – 1, 2 Sekunden fertig, gerettet!

Zur gleichen Zeit fuhr irgendwo in unserem Land ein Rettungswagen und brachte in großer Eile einen schwer an Corona erkrankten, nach Luft ringenden Menschen zur Intensivstation.

Am Rande unserer Welt, in den Flüchtlingslagern, in den vergessenen Ländern gibt es keinen Rettungswagen, keine Intensivstation und kein Impfzentrum, in dem die Stühle gerichtet sind.

»Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Anderen sind die Stühle gerichtet«

So schreibt Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929) in seinem berühmten Gedicht.

Uns sind die Stühle gerichtet. Mit welchem Recht eigentlich?

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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