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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2013
Die Weisheit des Körpers
Wie wir lernen, unseren Gefühlen zu vertrauen
Der Inhalt:

Neudeck: Belebt die toten Kirchen!

von Rupert Neudeck vom 02.06.2013
Warum sind so viele Gotteshäuser oft geschlossen? Und warum sind viele Gemeinden so untätig? Plädoyer eines zornigen Christen
Rupert Neudeck ist Christ. Der Menschenrechtsaktivist und Journalist ärgert sich über geschlossene Kirchengebäude allenthalben. Und fand es bezeichnend, dass er jüngst seinem afghanischen Freund, einem Imam, nicht auf die Frage antworten konnte: »Wann betet ihr Christen eigentlich?« (Foto: pa/Pedersen)
Rupert Neudeck ist Christ. Der Menschenrechtsaktivist und Journalist ärgert sich über geschlossene Kirchengebäude allenthalben. Und fand es bezeichnend, dass er jüngst seinem afghanischen Freund, einem Imam, nicht auf die Frage antworten konnte: »Wann betet ihr Christen eigentlich?« (Foto: pa/Pedersen)

Mich irritiert, dass Christen die Entleerung von Kirchen, die mehr sind als bloße Gebäude, schweigend und fast teilnahmslos einfach hinnehmen. Wo ich hinschaue, lese, finde ich Beispiele dafür. So in den Erinnerungen einer mutigen linken Katholikin, Barbara Coudenhove-Kalergi, in ihrem Buch »Zuhause ist überall«. Sie nimmt im Jahr 1979 nach dem Tod ihres Mannes, des Spanienkämpfers und Ex-Kommunisten Franz Marek, eine Auszeit. Sie beschreibt mit Empathie das Kloster der Benediktinerinnen der Abtei St. Gabriel. Lapidar schreibt sie: »Wir wissen insgeheim alle, dass diese Abtei ein Auslaufmodell ist. Schön als Kulisse und schön als Zufluchtsort für eine Weile. Aber kein Modell mit Zukunft.« Und weiter: »Inzwischen gibt es die Abtei St. Gabriel nicht mehr. Die wenigen verbliebenen Nonnen sind in ein kleines modernes Haus weggezogen. Die Burg ist verkauft. Sie soll in Zukunft für touristische Zwecke genutzt werden.«

Ist das die Realität? Die Lichter gehen aus, die Kirchen werden geschlossen, der Letzte pustet die Kerze aus – Amen? Ich spüre in mir Gefühle der Rebellion. Sie reimen sich auf den Satz, den Albert Camus in seinem Buch »Mensch in der Revolte« formuliert hat: »Je me revolte, donc nous sommes!« – »Ich revoltiere, also sind wir!«

Mich irritiert, dass in den Kirchen und von Christen kaum noch gebetet wird. Die Frage unseres Imam-Freundes aus dem afghanischen Pahlewang-Piri unweit von Herat habe ich nie vergessen: »Wann betet ihr Christen eigentlich?« Dass wir nicht mehr täglich beten und unsere Kirchen meist die ganze Arbeitswoche über aus Angst vor Dieben, Pennern und Mäusen geschlossen halten, ist eine Merkwürdigkeit, vielleicht sogar eine Schande.

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Kommentare
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Paul Haverkamp
04.06.201315:55
Jesus betont immer und immer wieder, dass mit ihm der Beginn des Reiches Gottes im Hier und Heute begonnen hat. Ein jeder ist aufgerufen an der Vollendung dieses Reiches Gottes mitzuarbeiten. Damit bekommt Jesu Botschaft eine außerordentlich irdische Komponente.

Die Kirche muss zu den Menschen kommen, damit die Menschen zur Kirche gehen. Ich verstehe Neudecks Artikel als ein flammendes Plädoyer gegen eine Ent-Weltlichung der Kirchen.

Wer glaubt, er könne im sicheren Schutz des Hafens verharren und aus dieser Position im 3. Jahrtausend noch Menschen für die „froh machende Nachricht“ begeistern, obliegt einem veritablen Irrtum.

Die Zukunft und Akzeptanz der katholischen Kirche im 3. Jahrtausend wird entscheidend davon abhängen, ob die Vertreter der Amtskirche den Mut haben, auf der offenen See, auf das raue Meer der Wirklichkeit zu fahren oder ob sie ängstlich sich im sicheren Hafen den Auseinandersetzungen der Gegenwart entziehen.

Hilary Braatz
04.06.201310:37
Herr Neudeck, ich bin ganz Ihre Meinung! Glücklicherweise ist unsere Kirche tagsüber immer offen. In der Vergangenheit haben wir manche Anschläge überstanden und die Kirche wieder aufgemacht. So soll es bleiben aber wo Leben und Glauben so oft auseinanderklaffen und Religion zur Privatsache geworden ist, sind die Konsequenzen unvermeidbar. Dies ist ein Aufruf die eigene Taufe ernst zu nehmen, die Bibel täglich zu lesen und versuchen so zu leben wie Jesus uns vorgelebt hat. Wir brauchen die Verbindung zu Gott, im Privaten wie auch in der Gemeinschaft, um auf die Menschen zuzugehen. So zu leben bietet ständig Überraschungen und ein lebenslange Abenteuer. Unser Glaube sollen wir leben, notfalls mit Worte!