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vom 02.04.2021
von Michael Euler-Ott, Köln

Dem Kraken entkommen

Covid 19, der große Krake. Dem einen vernichtet er die Existenz, dem anderen raubt er Kindheit oder Jugend, wieder andere sperrt dieser übergriffige Räuber ein in Altenheime, in Isolierstationen oder lässt sie langsam ersticken in ihrem trüben Alltag ohne Feiern, ohne Reisen, ohne Abwechslung – die Verlustrechnung ist lang und immer länger. Werden und bleiben wir alle nur die großen Verlierer?
Ich versuche eine Gegenrechnung:
Mein Exkollege Ritchie, vor Covid 19 immer nur auf Reisen, lernt seit einem Jahr Spanisch. Intensiv. Mit einer interaktiven Methode. Mit viel Musik, mit virtuellen Begegnungen und viel Zeitaufwand – Ritchie hat Spaß!
Seine Frau Jutta hat das Nordic Walking entdeckt. Sie ist fast jeden Tag mit zwei, drei Gleichgesinnten draußen in den Parks oder auch nahgelegenen Wandergebieten, und sie hat sich, wie sie glaubhaft versichert, noch nie so fit gefühlt.
Stephan B., auch ein Kollege von früher, schickt mir jetzt in regelmäßigen Abständen selbst zusammengeschnittene Videos. Es sind Bilderserien, die er mit Musik unterlegt. Da hat er den Makro-Bereich entdeckt, direkt hinter seinem Haus im Garten. Alles, was da kreucht und fleucht, das fängt er mit seinen Nahvorsatzlinsen überlebensgroß ein, um es am PC in stundenlanger Kleinarbeit vorführbar zu machen – echte Augenöffner! Und für ihn ein ganz neues Hobby.
Den Garten als neues Betätigungsfeld entdeckt haben auch meine belgischen Nachbarn, die Dejeans. Aber sie legen ihn komplett neu an. In harter körperlicher Arbeit haben sie ihn buchstäblich leer gemacht, und jetzt gestalten sie ihn komplett neu: Hochbeete sind entstanden, eine kleine Sitzecke, ein Gewächshaus – gut, dass da mal so ein großes Zeitfenster war, um sich an ein derartiges Projekt heranzutrauen, sagen sie nicht ohne Stolz.
Meine Frau erzählt mir von ihrer Gymnastikgruppe, dass da jetzt allein schon drei Partnerinnen »auf den Hund gekommen« seien. Corona habe sie derart runtergezogen, dass sie sich nun tatsächlich einen Hund zugelegt hätten … und dies als große Hilfe gegen das Stimmungstief empfänden. Gassi gehen sei ja auch eine Form von Gymnastik…und bringt täglich neue nette Begegnungen.
Wir selber haben noch immer keinen Hund. Aber wir machen seit einiger Zeit Fotobücher. Angefangen haben wir mit dem Sichten und Sortieren uralter Urlaubsfotos. Ganze Festplatten waren da vollgestopft mit Reise-Erinnerungen. Unbeachtet und unverarbeitet lagerten die da. Das schnelllebige Unterwegssein vor Corona ließ die Speicher immer mehr wachsen. Wann hätten wir die jemals wiederentdeckt? Fotobücher zusammenstellen, das wissen wir jetzt, ist auch ein starkes Erlebnis. Eine Art Reise in die Vergangenheit.
Vielleicht traue ich mich jetzt auch noch an ein weiteres großes Projekt, das ich schon immer im Herzen hatte: Einen Roman schreiben. Die Pandemie wird uns ja noch ein paar Monate den Rücken freihalten. Sie wird uns weiter zwingen, uns auf weniger zu beschränken. Es wird weniger sein in der Breite, dafür aber – denke ich – mehr in der Tiefe.
Der Krake ist natürlich immer noch da. Ich will ihn auch nicht schönreden. Aber seinen Fangarmen kann man zeitweise entkommen. Man muss sich freilich etwas bewegen.

PS: Wem nichts Kreatives einfällt: Die längst überfällige Gebiss-Sanierung mitsamt Parodontitis-Behandlung hätte jetzt auch ausreichend Platz. Zahnlücken, dicke Backe, schief sitzende Provisorien sind in Zeiten des Homeoffice ja kein Problem.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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