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Mit Tuch fühle ich mich austauschbar

vom 20.04.2020
von Elisabeth Pfestorf, Suhl
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»Mit dem Tuch bin ich nun austauschbar« (Foto: Elisabeth Pfestorf)
»Mit dem Tuch bin ich nun austauschbar« (Foto: Elisabeth Pfestorf)
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Da sitze ich wie ein Häufchen Unglück, ganz erschöpft, und starre auf die Stativ-Kamera. Ich war einkaufen und musste mein Gesicht wegen der momentanen Corona-Pandemie hinter einem Tuch verstecken. Ich sehe aus, als wäre ich zum Islam übergetreten. Der ist mir jedoch sehr fremd geblieben, obwohl ich mich kurzzeitig mit dem Koran beschäftigt habe. Ich kann jetzt nachempfinden, wie sich Frauen mit einem Schleier fühlen. Der Gesichtsausdruck ist das Individuellste des Menschen. Er spiegelt Traurigkeit, Freude, Entsetzen, Neugier, Erschöpfung und Ähnliches wider.

Mit dem Tuch bin ich nun austauschbar. Meine Befindlichkeit wird von anderen nicht mehr wahrgenommen. Ich schwitze ganz schnell hinter solch einer »Tuchbarrikade«. Die Brille läuft vom eigenen Atem an, und ich sehe plötzlich alles nur noch durch eine Nebelwand. Praktisch ist das nicht. Und andere erkennen mich nicht mehr. Die eigene Identität geht damit verloren. Mein ältester Sohn hat sich als Gesichtsschutz eine Fahrradmaske gekauft. Er wagte bisher aber nicht, diese aufzusetzen, denn er sieht damit aus wie eine Horrorfigur. So ähnlich fühlte ich mich leider bei meinem letzten Einkauf: als wäre ich zu den Gangstern übergelaufen, müsste an der Kasse eine Pistole aus der Jackentasche holen und das Geld dort erpressen. Dabei bin ich ein harmloses Geschöpf, das nie solche kriminellen Gedanken aufkommen ließ.

Die eigene Versorgung ist ein Kraftakt geworden. Ich stehe an, um einen Korb zu bekommen. Die Anzahl der Körbe ist begrenzt, weil nur wenige Menschen zusammen im Kaufhallenbereich sich aufhalten sollen. Dann stehe ich an, um eingelassen zu werden. Mit großer innerer Anspannung suche ich mir die notwendigen Sachen zusammen. Der Mindestabstand der Kunden an der Kasse ist vorgegeben. Auch hier heißt es wieder: warten. Meine Erfahrung/Beobachtung: Solch ein konzentriertes Einkaufen hat auch einen finanziellen Vorteil. Es stärkt Überlegungen, was ich wirklich brauche und was für mich absolut notwendig ist.

Der Kapitalismus, der vom Warenaustausch lebt, wird mit diesen Einschränkungen in Schranken verwiesen. Die Warenangebote sind immer ausgerichtet auf die Nachfrage. Hamsterkäufe als Folge der momentanen Krise brachten in der letzten Zeit dieses Gleichgewicht, das für uns eine Sicherheit war, durcheinander. Leere Regale gab es auf einmal bei Toastbrot, Konserven und Toilettenpapier. Die Egozentrik der Menschen scheint in schwierigen Zeiten (als Überlebensstrategie) zu siegen.

Verdeckt gibt es sicherlich noch eine Hilfsbereitschaft. Ich beobachte jedoch in unserem Plattenbau-Hauseingang, dass die meisten weiter beziehungslos aneinander vorbeisausen. So muss jeder sich erst einmal selbst helfen. Ausgerechnet gestern löste sich mit einem Riesenkrach meine Gardinenstange aus der Verankerung. Sie hätte mich erschlagen können. Ich war zu Tode erschrocken. Nun musste ich selbst das entstandene Chaos ordnen und den Schaden beheben. Ich suchte meine Werkzeugtasche mit Nägeln und Schrauben hervor, tüftelte und probierte so lange, bis mir (nach Stunden) eine Problemlösung gelang. Jetzt schaue ich verklärt auf mein uneingeplantes »Werk« und staune, dass ich dies mit meinen zwei linken Theoretiker-Händen zustande brachte.

Das bevorstehende Osterfest wird ein ganz anderes, ungewohntes werden, ohne Familien- und Gottesdienstbesuche und mit verordnetem Hausarrest. Viele Großeltern verschickten Osterpäckchen an ihre Enkel. Solch eine lange Schlange vor der REWE-Postfiliale sah ich bisher noch nie. Aber die Leute warteten geduldig in respektvollem Abstand, bis sie ihre Lasten (Päckchen und Pakete) loswurden.

Da die wenigsten mit dem christlichen Hintergrund von Karfreitag und den beiden Osterfeiertagen im atheistisch geprägten Osten Deutschlands etwas anfangen können, halten sie sich an den »weltlich überlieferten« Bräuchen fest: Osterhasen und Ostereier. Auf die stößt man jetzt laufend beim Einkaufen in Form von Süßigkeiten, aus Pappmaché oder als Schmuck an Frühlingssträußen. Sie machen unsere eingeschränkte, nun akut bedrohte Welt etwas bunter.

Telefonate, Briefe und E-Mails müssen persönliche Kontakte und Gespräche ersetzen. Das ist eigenartig und vermittelt uns das Gefühl, wir sind in einem künstlichen Glashaus mit vielen Einzelzellen gelandet. Am Herrenteichgelände im Suhler Stadtzentrum wurden die Bänke weggenommen. Beim momentanen warmen Frühlingswetter kann/darf man sich dort nicht setzen. Es könnten sich ja ansteckungsgefährdete Gruppen bilden.

Überhaupt ist jetzt das Frühlingserwachen ein seltsamer Kontrast zur gesellschaftlichen Lähmung. Eine wirkliche Naturbegeisterung wird durch die markanten Einschränkungen und Kontaktverbote erstickt. Wenigstens den ungewöhnlichen Vollmond gestern habe ich wahrgenommen.

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Normal wären meine beiden Söhne zu ihrem Osterbesuch hierher nach Suhl gekommen. Das ist nicht möglich. Der gemeinsame traditionelle Osterspaziergang fällt aus. Ich denke aber, dieses schmerzende, einschränkende Osterfest wird sich bei uns mehr einprägen als die vielen anderen, normalen Osterfeiertage. Es zeigt uns, dass wir gedankenlos vieles als Selbstverständlichkeit hingenommen haben. Hoffentlich können wir nach der Corona-Krise manches mehr und besser schätzen.

Ich werde meinem Sohn mit seinem Keyboard, das in seinem Wohnheim verstaubt wäre und ich mit nach Suhl nahm, beim nächsten Telefonat ein Ständchen spielen. Da muss ich aber noch fleißig üben.

Zur Erklärung

Ich bin 74 Jahre alt, verwitwet, lebe allein, ohne Auto und muss meine Einkäufe mit dem »Rolly« und meinem Stock den Berg hochziehen, was mir schwerfällt. Mein jüngerer Sohn lebt seit 17 Jahren in einem auf Menschen mit Autismus-Spektrums-Störungen spezialisierten Wohnheim und arbeitet in einer ähnlich ausgerichteten Werkstattgruppe, beides Einrichtungen der Thüringer Diakonie. Bis jetzt habe ich meinen Sohn alle vier Wochen »nach Hause« holen können. Dieses Konzept ist nun ganz durcheinandergeraten. Mein älterer Sohn lebt und arbeitet in der Nähe von Darmstadt. Sein Lebensmittelpunkt ist ebenfalls die Behindertenhilfe geworden. Über Telefonate und Briefe verständigen wir uns und versuchen, einen »inneren Draht zueinander« zu behalten.

Ich war nach der »Wende« 13 Jahre engagiert in der Diakonie-Elternselbsthilfe in vielen verantwortlichen »Positionen«, kam dadurch mit vielen Betroffenen zusammen, habe Freizeiten und Weiterbildungen für diese organisiert und mir dadurch einen »Kommunikationsstil« angewöhnt, möglichst durch Bilder meine »Botschaften« zu verstärken.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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