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Menschliche Kontakte sind wichtig

vom 26.07.2020
von Hedi Ströher, Wien

Am Donnerstag, 12. März, auf dem Weg in die Turnstunde, kam ein Telefonanruf meiner jüngeren Tochter, Ärztin: ich solle sofort nach Hause gehen und nicht mehr weggehen – die Coronagefahr sei zu gross! Schnell ging ich noch eine grössere Menge Lebensmittel einkaufen – aber am Nachmittag, als ich mich auf die Freitag-Frauenrunde unserer Pfarre vorbereitete, rief auch meine ältere Tochter an: ich solle unbedingt daheim bleiben – ab Sonntag würden auch alle Gottesdienste abgesagt! Und prompt am nächsten Morgen verkündete Kanzler Kurz das »Herabfahren aller sozialen Kontakte« oder so ähnlich – und so begann meine elfwöchige »Klausur«!

Zusammenfassend kann ich sagen, dass diese Wochen für mich nichts Negatives bedeuteten, sondern eher wie Ferien waren – und wenn ich immer wieder hörte, wie einsam sich vor allem meine Altersgenossinnen fühlten, bekam ich so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil es mir so gut ging. Ich habe ja trotz meines Alters noch immer einige Jobs in der Pfarre und im Nachbarschaftszentrum – und da gab es plötzlich so viel freie Zeit, dass ich geradezu aufatmete!

Ich nahm mir aber vor, meine Freizeit nicht zu verplempern, sondern meinen Tag zu strukturieren: früh nach dem Turnen mir mehr Zeit für geistliche Lesungen zu nehmen und die 8-h-messe im Livestream mit Kardinal Schönborn zu hören – täglich ein bis zwei Stunden zu spazieren: meist im Grünen im Alten AKH, aber auch Gegenden in Wien kennenzulernen, die ich noch nie besucht habe! Natürlich gab es auch Tätigkeiten, die ich schon lange vor mich hergeschoben hatte: Ordnen der Texte für die kirchliche Arbeit und Ordnung in meinen Büchern, und da meine liebe Hilfe in der Slowakei fest saß, auch die Hausarbeit. Dass manche Leute auch tagsüber im Pyjama blieben, wie ich hörte, kam mir merkwürdig vor!

Ich hätte auch nicht gedacht, wie viel Kontakte sich durch mein Smartphone aufrechthalten und vermehren würden: jeden Morgen schon gab es gute Wünsche meiner Freundinnen, und unzählige Videos und Audios und wöchentlich Familienskypes füllten die Tage aus! Ich glaube, dass sich manche Freundschaften so erst entwickeln konnten – wenn ich einsame Freundinnen anrief, spürte ich geradezu ihre Dankbarkeit Und natürlich sass ich auch oft vor dem Fernseher und las Zeitungen (danach immer Hände waschen!) um auf dem laufenden zu bleiben. Da wurde mir dann manchmal wirklich übel, wenn ich erfuhr, wie sich die Pandemie weltweit ausgebreitet hatte – wie schlecht viele Spitäler vorbereitet waren und wie viele neue Infektionen täglich stattfanden! Dann schämte ich mich für meine privilegierte Stellung und nahm mir vor, mich noch mehr dankbar zu erweisen und zu tun, was mir möglich war – wenigstens durch Gespräche!

Ja, und meine Versorgung funktionierte auch problemlos: von meinen drei Kindern und sechs Enkeln wohnt zwar nur ein Enkel in Wien, und der brachte jede Woche am Motorrad meine bestellten Lebensmittel bis zu meiner Wohnungstür, vor die ich einen Korb gestellt hatte – und so bei der offenen Tür im gehörigen Abstand und mit Maske im Gesicht konnten wir uns auch kurz unterhalten. Da meine jüngere Tochter ihre Ordination im Stock oberhalb dem meinen hat, brachte auch sie mir oft frisches Gemüse und Obst von ihrem Bauern – ich war also gut versorgt –, nur Fleisch hatte ich bereits fünf Wochen lang keines verzehrt – da kam die Öffnung der Gaststättentüren und so holte ich mir beim Nachbarbeisl – zum ersten Mal im Leben! – ein gebackenes Putenschnitzel, an dem ich dann vier Tage lang satt wurde.

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Hände waschen hatte ich ja bereits wochenlang geübt, aber Masken und Abstand halten wurden erst aktuell, als ich endlich wieder selber einkaufen durfte gegen Ende April. In der Pfarre war unsere Frauengruppe die erste, die wieder zusammenkommen wollte – und unser Pfarrer gestattete es im Festsaal, wo grosse Abstande möglich sind – das war am 21. April. Und dann folgten andere Runden und schliesslich die Gottesdienste, die wir allerdings schon vorher dank unserer tüchtigen »Burschen« im Livestream mitfeiern hatten können.

Was ich von Corona gelernt habe? Menschliche Kontakte sind wichtig, aber auch über Entfernungen möglich – Hilfsbereitschaft soll so aktiv bleiben – unsere Ansprüche können heruntergefahren werden, ohne dass unsere Lebensqualität leidet – wir müssen jederzeit mit weltweiten Gefahren rechnen und uns darauf vorbereiten – wir brauchen aber nie zu verzagen – die Welt steht, solange Gott es will!

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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