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vom 21.05.2020
von Elke Stumpf-Neukirch

Als im März 2020 der große Lockdown beschlossen wurde, saß ich wie alle gespannt vor den Fernsehnachrichten und lauschte den Worten der Regierung und der Virologen. Ich weiß nicht mehr genau, wer die ungewöhnliche Formulierung benutzt hat. Sie lautete sinngemäß: Jetzt geht es darum, vor allem die Risikogruppen, die uns kostbar sind, unsere älteren Menschen mit Vorerkrankungen, zu schützen. »Kostbar«, ja so wollte ich mich gerne mal fühlen. Aber kurz bevor sich mir ein Schluchzen der Rührung entringen wollte, rührte sich meine kritische Ader: Hoppla! Davon hätte ich doch im Laufe der Zeit schon mal was gemerkt.

Sicher, uns alten Menschen geht es im Vergleich zu anderen Zeiten und Ländern im Durchschnitt gut. Wir hungern nicht, wir können unsere Freizeit nutzen und unsere Gärten bestellen. Und doch sind wir der ausgemusterte Teil einer Leistungsgesellschaft. Es gibt in Asien oder anderswo Gesellschaften, in denen der alte Mensch wegen seiner Erfahrung und seiner Lebensleistung verehrt wird. Da leben wir nicht. Wir sind der überschießende Teil einer ungleichgewichtigen Bevölkerungspyramide. Einige Beispiele, wie sich das spürbar auswirkt:

Besonders Frauen werden ab der Menopause nicht mehr wirklich in aller Grazie wahrgenommen. In den Boutiquen, die auf sich halten, haben sie für Frauenspersonen, deren Körpermaße mehr als die Größe 38 benötigt, keine Ware mehr bereit. Sie sehen ihre unpassenden Kundinnen auch etwas befremdet an.

Die meisten Chöre lehnen schon fünfzigjährige Sängerinnen und Sänger ab, weil junge Stimmen eben einfach frischer klingen und jeder Chorleiter natürlich auch ehrgeizig ist. (Es geht ja auch nichts über einen schönen Chorklang.) Ein bisschen anders verhalten sich die Kantoren der Kirchenchöre, aus christlicher Verpflichtung. Aber auch sie gründen gerne »Seniorenchöre«, um den Klangkörper der Kantorei ein bisschen zu verbessern, was ihnen dank eingefleischter alter Alter nicht immer gelingt. Ich habe in einer Kantorei gesungen, die eines Tages beschlossen hat, alle Mitglieder ab sechzig in einem Seniorenchor zusammenzufassen. Dieser belief sich konstant auf sechs Personen, eine Reihe Sängerinnen ignorierte die neue Regel, und jugendliche Sänger wurden auch dadurch nicht angezogen. Man hört auch immer wieder von verschiedenen Seiten, dass es nur noch Alte sind, die die Gottesdienste besuchen. Irgendwie stört mich das Wort »nur«. Ich kann verstehen, dass jeder auf Nachwuchs hofft. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott die Alten weniger liebt als die Jungen.

Ab dem Alter von siebzig Jahren kann man Bestimmungen zufolge auch kein Auto mehr mieten, nicht mal einen vollautomatischen Scooter. Gott sei Dank setzen sich aber einige Firmen über diese Forderung des Öfteren hinweg.

Interessant sind alte Menschen allerdings für Arztpraxen und Krankenhäuser, sozusagen eine ihrer wichtigsten Existenzgrundlagen, von daher auch kostbar.

Ich muss aber zugeben, dass ich als junger Mensch auch eine etwas abartige Vorstellung hatte: Meine Lehrer, mochten sie auch erst fünfzig Jahre sein, empfand ich als steinalt.

Auch gegenüber den alten Eltern und Schwiegereltern hielt sich eine tolerante Wahrnehmung in Grenzen. Die waren von gestern. Gewissermaßen als Strafe für unsere jugendliche Hybris verhalten sich unsere Kinder ähnlich. Wir haben ein gutes Verhältnis zu ihnen, aber wenn sie anrufen, vermuten wir zu Recht immer ein Bedürfnis, für das wir tauglich sind. Ich muss allerdings zugeben, dass sich das seit der Coronakrise ein bisschen verändert hat. Vielleicht ist es der Umstand, dass wir allenthalben als Risikogruppe benannt werden oder die Kumpels mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Eltern regelmäßig anrufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Kostbar, eindeutig!

Ich bin mir aber nicht sicher, dass die Aufforderung, ja nicht mehr selber einkaufen zu gehen, das Selbstwertgefühl von uns Älteren besonders hebt. Mein alleinstehender Nachbar ist soeben neunzig geworden und hat unser Angebot, ihm Einkäufe mitzubringen, mit der verständlichen Bemerkung abgelehnt, dass er ja auch noch mal rauskommen müsste und sich auch lieber selber die Sachen aussucht. Oh, oh, wie gefährlich! Am Schluss infizierte er sich noch und müsste dann vielleicht sterben.

Insofern bin ich Wolfgang Schäuble, dessen schwarze Null mir lange genug auf die Nerven gegangen ist, für seine sinnvollen Auslassungen, in denen auch das menschliche Sterben vorkommt, durchaus dankbar.

Besonders kostbar war bisher ja auch die Lage der Menschen in den Seniorenheimen. Aus Gründen der Infektion durften sie kein Familienmitglied mehr empfangen und mussten zur Not alleine sterben.

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Dabei wurden sie von tapferen Pflegerinnen und Pflegern betreut, die zum großen Teil ihren Dienst aber ohne vernünftige Ausrüstung bewerkstelligen mussten.

Und dabei bin ich bei meinem größten Kummer: dem Totalausfall der Kirche. Auch ich habe Fernsehen und Internet genutzt und möchte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, die große Leistung unserer Kantoren David Menge und Susanne Busche zu würdigen, die jeden Tag ein neues Lied mit einem schön gedrehten Video auf unsere Website gestellt haben. Auch ein virtueller Chor ist auf der Seite marienfelde-evangelisch.de zu hören und zu sehen. Aber keiner sonst hat einen Ausweg dafür gefunden, dass in diesem Jahr die Auferstehung ausgefallen ist. Ist unser Glaube so hilflos?

Was ich jetzt aber beklage, ist nicht originell, und viele werden mir recht geben. Ich habe auch keine Lösung. Und doch möchte ich einmal zusammenfassen, was es für die wenigen praktizierenden Kirchenmitglieder bedeutet, dass die Kirche, dass das Dorothee-Sölle-Haus geschlossen ist und alle Veranstaltungen abgesagt sind. Wer alt ist, braucht seine über viele Jahre eingeübten Strukturen, zu denen eben viele Veranstaltungen der Kirchen gehören, er braucht den Gottesdienst am Sonntag, der den Feiertag heiligt, er braucht die Liturgie, die ihm eine Mitwirkung und auch ein Trost ist, und schließlich braucht er die Menschen, die er über viele Jahre am Sonntag immer wieder getroffen hat. Er hat jetzt nichts von alledem. Ich halte es da mit Fulbert Steffensky, der da sagt, dass die Spiritualität eingeübt werden muss. Sonst vertrocknet sie am einsamen Gebet auf der Bettkante womöglich.

Meine Hoffnung ist der Sommer, der uns Veranstaltungen im Freien ermöglicht und dazu viele Ideen, mit deren Hilfe wir unsere Verbundenheit ausdrücken, auch mit Videokonferenzen, aber nicht nur.

Man kann ja von den veralteten Alten nicht erwarten, dass sie sich von heute auf morgen in die neuen Techniken einarbeiten. Die Schwellenangst ist groß – und wer hilft den Vereinsamten in diesen Tagen?

Also findet Kirche im Moment mit den fitten Jüngeren statt, kaum mit den kostbaren Alten.

Fast möchte ich mich bei Gott deswegen beklagen, wenn nicht die Menschen allein ohne Rücksicht auf Schöpfung und Klima für die Krise verantwortlich wären.

Ich gehöre nicht zu den Verschwörungstheoretikern, aber bei allem Respekt vor dem insgesamt verantwortlichen Handeln der Regierung gehen mir falsche Zungenschläge auf die Nerven.

Elke Neukirch, ungeheuer kostbar

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