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Komatöse Kirche

von Siegfried Eckert 22.11.2017
Was bleibt vom Reformations-Jubiläum? Und geht es irgendwie weiter? Siegfried Eckert, evangelischer Pfarrer, Synodalbeauftragter für den Kirchentag 2017, hat die Bilanz-Synode seiner Kirche live miterlebt. Und ist auch eine Woche danach noch geschockt
Kirche im Koma: Siegfried Eckert (rechts) ist überzeugt, dass seine evangelische Kirche keine Motivation hat, einen großen Wurf für die Zukunft zuzulassen. Angst und Ideenlosigkeit geben den Rat: Lieber nicht zu viel wagen. Das Ergebnis: Man wird von der Wirklichkeit nicht aus dem Koma geholt.  (Fotos: istockphoto/Tycson1; privat)
Kirche im Koma: Siegfried Eckert (rechts) ist überzeugt, dass seine evangelische Kirche keine Motivation hat, einen großen Wurf für die Zukunft zuzulassen. Angst und Ideenlosigkeit geben den Rat: Lieber nicht zu viel wagen. Das Ergebnis: Man wird von der Wirklichkeit nicht aus dem Koma geholt. (Fotos: istockphoto/Tycson1; privat)

Die EKD-Synode in Bonn hatte sich im November 2017 viel vorgenommen. »Rückblick, Einblick und Ausblick« stand auf der Vorlage des Schwerpunktthemas. Eine »Zukunft auf gutem Grund« sollte gelegt werden am Ende der Reformationsdekade. Als benachbarter Gemeindepfarrer, langjähriger Landessynodaler der Evangelischen Kirche im Rheinland und Kritiker der EKD, gönnte ich mir erstmalig den Besuch solch einer Synode.

Mir begegnete nach den 2017-Feierlichkeiten eine erschöpfte Kirche. Eine Synodale aus Württemberg, die ich fragte, wie sie diese Synode erlebe, antwortete: »Komatös.«

Keinen zurücklassen! Auch keine Rechtspopulisten?

Schon der Bericht des Ratsvorsitzenden irritierte. Selbstkritisch stellte Heinrich Bedford-Strohm die kirchlichen Äußerungen zur Flüchtlingsthematik unter moralischen Generalverdacht. Die kirchlichen Appelle seien bei der Bevölkerung auf ein geteiltes Echo getroffen. »Wie können wir heute, in einer pluralistischen Öffentlichkeit, so reden, dass Menschen, die den Aufruf zum Eintreten für Flüchtlinge so nicht teilen, angesichts unserer Stellungnahmen nicht mit dem Gefühl zurückbleiben, ein schlechterer Mensch oder ein unzulänglicher Christ zu sein und vielleicht dann zum aggressiven Gegenangriff auf die Übergehen, die sie als ‚Gutmenschen‘ empfinden?« In Frageform offenbarte sich damit das Dilemma eines Kirchenführers, der es in einer gespaltenen Gesellschaft allen recht machen will. Harmoniesucht kann eine Sucht mit riskanten Nebenwirkungen sein. Der bayerische Landesbischof zeigte sich beeindruckt von den Wahlerfolgen der Rechtspopulisten und der Hetze, der er selbst ausgesetzt ist. Mit seiner rhetorischen Kehrtwende breitet er den Hirtenmantel des Allversöhners über die aus, die sich von ihrer Kirche nicht mehr verstanden fühlen. Wer für »aggressive Gegenangriffe« auf »Gutmenschen« Verständnis zeigt und die im Regen stehen lässt, die weiterhin unserem Land ein freundliches Gesicht geben wollen, sucht den Applaus auf der falschen Seite. Haltung zeigen sieht anders aus.

Was folgte, war die Inszenierung eines famosen Rückblicks auf den Reformationssommer von einer mitreißenden Margot Käßmann. Der europäische Stationenweg, die Weltausstellung in Wittenberg, der Abschlussgottesdienst des Kirchentages auf den Elbwiesen, die Kirchentage auf dem Weg und das Konficamp wurden als Erfolge ins Bild gesetzt. Eine Stunde Präsentation enthielt zwei selbstkritische Nebensätze. Zu geringe Besucherzahlen hatten für ein Millionendefizit gesorgt. Dessen Höhe war den Synodalen nicht bekannt, als es zur Aussprache kam...

Ein Konzept für den Dialog mit den Säkularen? Fehlanzeige

Am Morgen danach standen Einblick und Ausblick an. Erfrischend waren drei Impulsreferate, die es kurzzeitig verstanden die Synode aus ihrem künstlichen Koma zu wecken.

Prof. Dr. Lucian Hölscher empfahl, die Fixierung auf die alte kirchliche Zählweise einzustellen, deren Indikatoren bisher Kirchenmitgliedschaft, Gottesdienst- und Abendmahlbesuch waren... Auch den Kampf gegen den Säkularismus sollte die Kirche einstellen. »Die Kirche hat sich im Kampf gegen den Säkularismus einen Popanz aufgebaut, der sie schwächt.« Hölscher bemängelt, ihr fehle »ein Konzept für den Dialog mit der säkularen Gesellschaft, in dem diese nicht nur als Empfänger der christlichen Botschaft, sondern auch als ein Gegenüber begriffen wird, das den Kirchen etwas zu geben hat.«

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Noch frecher kam die kritische Katholikin Dr. Christiane Florin mit ihrem journalistischen Zwischenruf zur Ökumene daher. Die Etikettierung des Reformationsjubiläums als »Christusfest« war die Idee des Ratsvorsitzenden, um dem katholischen Nachbarn ein Angebot zum Mitfeiern zu machen. Für Florin ist Ökumene »weniger ein klar definiertes Ziel als eine Lebenshaltung«. Das Wort beschreibt für sie eher einen kulturellen denn einen theologischen Prozess. Ökumene wird damit zu einer Art Kulturkampf. Die Lacher hatte sie an anderer Stelle auf ihrer Seite: »Der EKD-Ratsvorsitzende und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz haken einander demonstrativ unter. Sie wirken in diesem Jahr so unzertrennlich, dass ich schon dachte, es gebe zusätzlich zum Playmobil-Reformator auch die beiden zusammengeschweißt als Plastik-Doppelfigur. Hätte eine Frau an der Spitze der EKD gestanden, wäre vermutlich weiter von versöhnter Verschiedenheit die Rede gewesen.«

Der Soziologe Prof. Dr. Detlef Pollack forderte eine reformbereite Kirche heraus und plädierte für ein entschiedeneres Investment in die religiöse Bildung von Kindern. Applaus brandete auf, als er ein Herzstück des Protestantismus unter die Lupe nahm: »Der Gottesdienst muss einladender werden und professioneller werden, und er muss – um schon einmal einen ersten konkreten Vorschlag anzubringen – kürzer werden… Kein Gottesdienst länger als 50 oder höchstens 60 Minuten.« Alle drei Impulse wurden lange beklatscht und lösten das »Sodbrennen« einiger Synodaler, denen die Lobhudelei des Vorabends noch in den Knochen saß.

Betriebsinterner Moralismus, strategische Selbsterhaltung

Den Ausblick bot am Ende der Synode eine Verlautbarung unter der Überschrift: »Zukunft auf gutem Grund – erste Konsequenzen aus dem Reformationsjubiläum 2017.« Erstmalig zeigte sich die Synode diskursfreudig, weil es ans Eingemachte ging. Doch am Ende wirkte sie ratlos. Steuerungsgruppen und Koordinierungsteams sollen es richten.

Ein biblisches Zitat eröffnete die Erklärung. »Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.« (1. Kor 3, 11) Ansonsten fehlten biblisch-theologische Begründungen. Der Grund, auf dem die EKD steht, zeichnet sich durch betriebsinternen Moralismus und strategisches Selbsterhaltungsinteresse aus. Die Präses der Synode forderte bei der Einbringung, die kirchlichen Mauern zu verlassen und den »Kirchensprech« zu beenden. Das Papier löst diesen Anspruch nicht ein. O-Ton: »Gott neu zu entdecken und die (Kirchen-)Welt zu hinterfragen heißt, die Grundfrage der Reformation nach Gottes Gnade für den Sünder heute neu zu stellen. Es geht um die Frage nach Gottes Relevanz im Leben eines jeden Menschen. Notwendige Abschiede sind ebenso gefordert, wie angstfreies Suchen nach Gottes Gegenwart in unserer Welt.« Der letzte Satz übrigens ist ein Überrest aus dem glücklosen Strategiepapier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahre 2006. Was Luther wohl zur Neuetikettierung dieses ‚Kirchensprechs‘ gesagt hätte? ...

Wo Kirchenstrategen das Sagen haben, denen der Selbsterhalt der Organisation näher liegt als eine reformatorische Zukunft der Kirche, ist Heilung kaum möglich. Als Patient Kirche würde ich mich in andere Hände begeben... Der Schlüssel zur Überwindung der Krise liegt in der Rückgewinnung institutioneller Glaubwürdigkeit, der Umkehr zur Demut und einer substanziellen Konzentration auf das Kerngeschäft der Kirche. Für Luther waren dies: Gottesdienst, Bildung, Armenfürsorge. Den Reformatoren ging es nicht um den Ausbau der Organisation auf Kosten von Institution und Gemeinden vor Ort.

Bloß kein großer Wurf! Was könnte das nicht alles mit sich bringen...

Diese Synode war bemüht, alte Wunden nicht anzurühren, den großen Wurf zur Seite zu legen, um sich auf das Mögliche, den nächsten Schritt zu konzentrieren. Ob diese Kleinteiligkeit für eine ungemütliche Zukunft reicht, muss sich zeigen. Der Programmatik eines Wolfgang Huber folgt die Pragmatik einer Politikerin im Ruhestand (Präses Irmgard Schwaetzer) und eines Ratsvorsitzenden (Heinrich Bedford-Strohm), der es sich mit keinem verderben möchte. »Einen Masterplan mit übergreifenden Leitgedanken, wie ihn Wolfgang Huber in seiner Amtszeit als Ratsvorsitzender vorgelegt hatte, suchte man vergeblich. Es gab Mutmaßungen, Bedford-Strohm wolle zunächst das Lutherjahr unbelastet feiern, um danach mit eigenen Reformvorschlägen aufzuwarten. In Bonn gibt es dafür jedoch keine Anzeichen«, schreibt – sehr zu recht – FAZ-Journalist Reinhard Bingener.

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Paul Haverkamp
26.11.201720:46
Der Schlüssel zur Überwindung der christlichen Kirchenkrisen liegt in einer konsequenten Rückkehr zu den jesuanischen Quellen. Dieses Petitum implementiert eine neue Hierarchie von Wichtigkeiten. Es darf nicht darum gehen, den Schutz und den Erhalt der Institutionen als prioritär anzusehen, sondern es kann nur darum gehen, den diakonischen und pastoralen Aufgaben jenen nicht zu hinterfragenden Vorrangplatz einzuräumen, den bereits Jesus aus N. immer für alle Menschen bereitgehalten hat. Wenn Macht- und Herrschaftsstrukturen nicht abgebaut und dem Menschendienst nicht eine absolute Vorrangstellung eingeräumt wird, dürfen die Kirchen ihre Legitimation nicht mehr vom Manne aus Nazareth ableiten. Jesus hat die Sinnhaftigkeit von Gesetzen immer wieder dahingehend überprüft, ob dieselben den Menschen ein Mehr an Heilung und Heil verschaffen. Wer Macht und Institutionen für wichtiger hält, wird einer jesuanischen Verhaltensweise nicht gerecht.
Heiko Richter
25.11.201719:47
Bravo PF, eine klare Stellungnahme - wo gibt's die heute noch? Ich kenne unzählig viele Christen, die wachen Geistes und Auges sind und bereit eine Kirche zu verändern, die Angst hat sich zu bewegen. Leider ist die Kirchenleitung nicht komatös, sondern nur erstarrt und hält das inzwischen schon für den Normalzustand - daher kein Handlungsbedarf. Es muss noch schlimmer kommen. Warten wir es ab oder hauen wir ab. Christus will leben und dazu braucht es keine Kirche. Schade trotzdem.
Simone Brietzke
22.11.201718:53
Ja, was reformiert sich nach dem Reform-Jubiläum? Wohl nicht viel. Aus Angst, alte Fragen für die heutige Zeit neu zu denken und neu zu beantworten, wenn dafür alte "Dogmen" fallen gelassen werden müssten. Dabei gibt es vielversprechende Ansätze. Die "Gesellschaft für eine Glaubensreform" zum Beispiel versucht, ein zeitgemäßes wissenschaftliches Weltbild und biblische Aussagen auf der Basis von historisch-kritischer Theologie zusammenzubringen. Offiziell angehört, geschweige denn diskutiert, wird von ihren Ansätzen nichts...
Edna Li
22.11.201709:13
Die Grundhaltung der evangelischen Kirchenoberen ist: Angst. Angst vor Bedeutungslosigkeit, Existenzangst, Angst zu sagen, wofür man steht. Das Dumme ist nur: Christsein und Angst schliessen sich aus.
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