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Glauben: Eine fremde Welt

von Markus Dobstadt 17.06.2017
Eine Woche lang befasste sich die ARD mit dem Thema Glauben. In Reportagen, Interviews, Spielfilmen und Diskussionen stand die Frage im Mittelpunkt: »Woran glaubst Du?« Und brauchen wir den Glauben überhaupt? Viele Menschen gaben Antworten. Und doch fehlte etwas
Woran glaubt Deutschland? Die interaktive Karte der ARD im Internet zeigt, viele glauben an "Das Gute" oder eine "Höhere Macht" und nicht mehr an Gott (Foto: ARD)
Woran glaubt Deutschland? Die interaktive Karte der ARD im Internet zeigt, viele glauben an "Das Gute" oder eine "Höhere Macht" und nicht mehr an Gott (Foto: ARD)

Die ARD wollte mit dem groß angelegten Projekt dazu anregen, »über die Grundpfeiler des eigenen Lebens nachzudenken: Was gibt meinem Leben Sinn? Was ist mein Halt? Was ist mir heilig?« Und zum zweiten die Glaubensvielfalt in Deutschland aufzeigen. Es sollte dabei nicht nur um Religion gehen. »Vielmehr wollen wir den Blick für die unterschiedlichen Spielarten des Glaubens und Nichtglaubens öffnen und so das Interesse für die Vielschichtigkeit von Weltanschauung wecken«, heißt es in der Ankündigung. Ein mutiges Projekt. Und ein enormer Aufwand. Gesendet wurde nicht nur im Ersten. Auch die dritten Programme machten mit – Hörfunk und Fernsehen. Auf Blogs im Internet kann zudem jeder seine eigene Meinung sagen. Am heutigen Samstag, 17. Juni, endet die Themenwoche.

Interaktive Deutschlandkarte

Reporter schwärmten aus und zeichneten kurze Statements von Menschen über ihren Glauben auf. Auf einer interaktiven Deutschlandkarte sind die Antworten im Internet aufrufbar. Begriffe wie »Höhere Macht, Das Gute, Freundschaft, Liebe, Schicksal« aber auch »Gott« können dort angeklickt werden. Die Karte zeigt, dass die Glaubensvielfalt in Deutschland enorm ist. Und längst nicht immer steht Gott dabei im Mittelpunkt.

Die Mitgliederzahl der großen Kirchen geht bekanntermaßen kontinuierlich zurück. Die Konfessionslosen bilden mit 32 Prozent inzwischen fast die größte Gruppe – in Ostdeutschland sind sie vielfach in der Mehrheit – , gefolgt von 29 Prozent Katholiken, 28 Prozent Evangelischen, fünf Prozent Muslimen und 6 Prozent sonstigen Religionsgruppen. Umfragen zufolge ist Religion für die meisten Menschen nur ein nachrangiges Thema: Familie und Freunde, Liebe und Sex, Arbeit und Beruf und auch die Politik, alles das ist wichtiger. Und auch die, die nicht aus der Kirche ausgetreten sind, suchen nur selten den Kontakt zu ihr. Nur ein Drittel der Katholiken besucht regelmäßig Gottesdienste, und nur jeder fünfte Protestant. Das Leben scheint für die meisten auch wunderbar ohne Religion zu gelingen.

Eine bröckelnde Glaubenswelt

Wie nähert man sich dieser bröckelnden Glaubenswelt? Die ARD versuchte es unter anderem mit mehreren Reportagen. SWR-Reporter Steffen König etwa ging auf Deutschlandreise: Seine Leitfragen: »Warum glauben wir Menschen überhaupt an höhere Mächte? Ist es für mich besser, an nichts zu glauben? Oder gibt es eine Religion, die am besten zu mir passt?«

Er selbst, evangelisch getauft, hat sich vom Glauben verabschiedet. »All die schönen Geschichten konnte ich nicht mehr glauben«, sagt er im ersten Teil seines dreiteiligen Berichtes. Die Geschichte vom Paradies etwa, das er sich früher als Schlaraffenland vorstellte. Für seine Reportage holte er viele Menschen vor die Kamera. Den Theologen Albert Biesinger etwa, der bei einem Nahtoderlebnis ein »exklusives Glück« erfahren hat. Angst vor dem Tod habe er nun nicht mehr. Er glaube an die Barmherzigkeit Gottes, der am Ende des Lebens jeden aufnehme, auch diejenigen, die sich nicht für ihn öffnen.

Ein orthodoxer Jude glaubt, dass seine Seele weiterlebe, bis sie am Jüngsten Tag wieder mit dem Körper vereint werde. Ein muslimischer Zahnarzt berichtet, dass nach seinem Glauben das Diesseits die Vorbereitung sei auf ein paradiesisches Jenseits. Für eine Atheistin, deren achtmonatiges Kind vor 21 Jahren plötzlich starb, ist das Leben dagegen mit dem Tod zu Ende. »In diesem Tod liegt kein Sinn, wie im Übrigen auch im Leben nicht«, sagt sie. »Den Sinn macht man selber, und der Tod beendet das halt.«

»Das haben wir uns doch nur ausgedacht«

Steffen König hält in seinen Berichten mit seiner religionsskeptischen Haltung nicht hinter dem Berg. »Aber mal ernsthaft«, kommentiert er, »mir fällt es schwer, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Das haben wir uns doch nur ausgedacht, weil wir nicht ertragen können, dass nach dem Tod alles aus sein soll.«

Seine Reportage ist durchaus typisch für die ARD Themenwoche. König hat ein offenes Ohr für viele authentische Glaubensbekenntnisse, etwa das einer jungen Katholikin, die ins Kloster ging und ihr Leben dort toll findet. Doch es ist, als erkunde er ein fremdes Land. Als durchstreife er einen Supermarkt der Religionen und komme trotz aller Bemühungen mit leeren Händen wieder heraus. Für ihn ist nichts dabei. Die Herzenskammern des Glaubens bleiben für ihn verschlossen.

»Spaltet Religion die Welt?«

Viele Berichte der ARD Themenreihe wirken, trotz zahlreicher überzeugter Protagonisten, als hätte die Religion einem modern eingestellten Mensch nicht viel zu bieten. Als wäre sie immer mit Abstrichen, Regeln, der Einschränkung von Selbstständigkeit oder Komfort verbunden. Und so scheint es, als stehe der Glaube in dieser Woche auf dem Prüfstand und teilweise unter dem Verdacht, die Menschen unmündig zu machen und im schlimmsten Fall zur Gewalt anzustacheln.

»Spaltet Religion die Welt?«, hieß etwa das Diskussionsthema bei Sandra Maischberger. Khola Maryam Hübsch regte sich dort zu Recht darüber auf, dass sie sich als Muslimin ständig für die Gewalttaten der Islamisten rechtfertigen müsse.

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Mit Skepsis nähert sich auch, in einer weiteren Reportage, die Journalistin Katrin Bauerfeind der Religion. Ihr eigener Glaube sei ein »Gemischtwarenladen«, bekennt sie, und sie glaube mehr an ein Universum als an Gott. Spannend hingegen die Reportage über einen Notfallseelsorger. Er wirkt mehr wie ein Sozialarbeiter. »Ich brauche keinen Pfarrer, der fromme Sprüche sagt«, meint eine Frau, der er beistand, als ihr behinderter Sohn von einem 18-Jährigen ermordet worden war. Den Seelsorger nahm sie gar nicht als Pfarrer wahr. Heute hält sie aber immer noch Kontakt zu ihm.

Die Reportage über Glauben in Ostdeutschland zeigt erwartungsgemäß eine Landschaft, in der die Menschen von Gott nicht mehr viel wissen. Die Kirchen sind leer. Ein Paar, das Hochzeitsfeiern ausrichtet, errichtet nun selbst einen kirchenähnlichen Bau, den nichtgläubige Paare der Ästhetik wegen nutzen können, oder aber Katholiken, die ein zweites Mal heiraten wollen. Im Film heißt es: »Das Bauprojekt ist der konsequenteste Ausdruck für den Traditionsabbruch im gottlosen Osten. Man bedient sich den Bruchstücken der alten Tradition und setzt sie nach eigenen Bedürfnissen wieder neu zusammen. Die Kirche als Deko-Element für ein modernes Event.«

Andererseits gibt es in Ostdeutschland inzwischen vielerorts Initiativen, die leerstehende Kirchen wiederbeleben. Als »Zentrum für glaubenslose Dorfgemeinschaften«. Mit Cafés, Ausstellungen oder Lesungen.

Die neue Religion heißt Selbstoptimierung

Sympathisch die NDR-Reportage, in der Reporter Julian Amershi eine Woche lang zum Assistenten des Pfarrers Jonas Görlich im Mecklenburgischen Lohmen wird und am Ende zusammen mit dem Pfarrer die Predigt hält. »Eine neue Religion«, sagt der junge Journalist vor den wenigen Besuchern, »macht den bisherigen Religionen Konkurrenz. Sie heißt: die Selbstoptimierungsreligion. Sie ist nicht ganz neu, aber sie hat immer mehr Anhänger. Sie kommt ganz harmlos daher und sagt: Mach du das Beste, und zwar das Allerbeste, aus deinem Leben. Und wenn alle um mich herum an sich arbeiten und immer besser und getunter werden, muss ich auch mithalten. Der Mensch lebt dann immer mehr so, als ob er sich selbst wie einen Konzern behandelt, der seine verschiedenen Sparten auf maximalen Erfolg trimmt. Selbstoptimierung ist ein 24-Stunden Projekt. Man ist nie fertig. Und man kommt auch nie an.«

Der ebenfalls junge Pfarrer Jonas Görlich ist dann beim Gottesdienst für den religiösen Part zuständig: »Gott hat dich nicht geschaffen, damit du dich optimierst«, sagt er. »Wenn du dich als wertvoll begreifst, verliert die Optimierung sogar ihre Kraft. Ich bin gut genug, weil es mir zugesprochen wird«.

Fazit: Was hat die ARD-Themenwoche gebracht?

Bei der an sich lobenswerten und aufwendig vorbereiteten ARD-Themenwoche fehlte es doch an positiven Glaubensgeschichten. An Reportagen über Kirchengemeinden, die sich zusammensetzen, sich umkrempeln, für den eigenen Ort öffnen, und mit Themengottesdiensten, Freizeiten, Jugendbands und vielen weiteren Angeboten auf einmal die Menschen in Scharen anziehen. Auch das gibt es in Deutschland. Die Kirchen geben sich durchaus Mühe, den Marsch an die Abbruchkante zu stoppen.

Eine Reportage, die versucht, in Ruhe einer Glaubensgemeinschaft nachzuspüren, wäre ebenfalls schön gewesen. Vielleicht gab es sie, das Angebot war schwer zu überblicken. Prominent platziert war sie nicht. Sie hätte die Schatzkammer einer Religion beleuchten können. Und zeigen, dass man durchaus modern und unabhängig und dennoch vom Glauben fasziniert sein kann. Dass Religion zwar Mühe macht, wie jede Beziehung, sie aber auch Kraft gibt, selbst wenn Fragen offen bleiben. »Das große Trotzdem« nennt in einer Reportage jemand den Glauben.

Schließlich fehlte der Blick auf die Politik. Immerhin regiert in Deutschland eine Partei, die sich christlich nennt. Wie kann aber eine christliche Politik aussehen? Dürfen dazu Waffenexporte gehören, eine restriktive Flüchtlingspolitik mit Abschiebungen in unsichere Länder, eine Austeritätspolitik, die den europäischen Süden in die Armut stürzt?

Eine Woche Beschäftigung mit Glauben und Religionen. Auch wenn manches fehlte: Insgesamt war es beeindruckend, was die ARD auf die Beine gestellt, wie viele Geschichten sie erzählt hat. Die Themenwoche dürfte tatsächlich viele Menschen ins Nachdenken gebracht haben. Die Resonanz war nach Angaben des federführenden Mitteldeutschen Rundfunks jedenfalls groß.

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