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»Gedankenansammlungen«

vom 29.09.2020
von Andreas Hoffmann, Merzenich
< 1/1 >
»Gelandet« (Foto: Hoffmann)
»Gelandet« (Foto: Hoffmann)
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Woche 26 nach dem Lockdown:

Ich sortiere meine Ausgabenbelege, um fünf Uhr morgens. Habe ich Schaden genommen?

Dem Hund ist´s egal, er schnarcht entspannt. Mir schmeckt der Kaffee aus der Tüte; der selbst gemahlene aus der kleinen Rösterei am Markt? Keine Chance, er hat geschlossen!

Es hinkt der Fuß, die Wade krampft,
die C-Vitamine und mein Mineraldepot scheinen aufgebraucht.
Habe Desinfektion in allen Formen besorgt, für außen,
für innen. Es geht natürlich nach den Regeln: Tücher und Abstandshalter, alles im extra guten Angebot aus dem Drogerieshop. Dafür hätte ich vier Mal ins Kino, ein Mal zum Kirchenkonzert und zwei Mal eine leckere italienische Pizza bekommen können, uff, so viel! Solche Verschwendung. Eine Million Einweg-Mundschutztüten werden täglich hergestellt, für uns, für Deutschland, landen die auch im Meer?

Wie soll ich da nun mit jemandem darüber reden? Platze fast an den Gedankenansammlungen, auch die Freundin schläft noch.

Alle Freunde skypen auf einmal. Ich warte acht Wochen auf die Skype-fähige Kamera ... aus China natürlich (makaber oder ?), da verdienen die auch noch daran.

Mailen geht natürlich auch, anrufen? Ja, ginge, nur scheint das Sprechen durchs Mundtuch sehr nuschelig und schlecht verständlich. Quatsch? Können die Viren eigentlich auch durchs Netz wandern? Wer weiß!

Langeweile, nee. Ich doch nicht. Kurzarbeit ist toll, nee nicht wirklich, aber schenkt mir Zeit.

Vielleicht gebe ich eine Annonce auf: Senior in gutem Allgemeinzustand sucht zum Bowlen und für Kurzweil in kleiner Gruppe ebenso solche Corona-Ausgegrenzten zur Erzeugung gemeinsamer Launenverbesserung und zur Bewältigung der einsamen Corona-Zeiten. Hm ... kostet mich 37,50 bei der Regionalzeitung.

Mal sehen, was da so kommt, per Post? Hm, besser noch schnell meine aktuelle Mailadresse mit reinschreiben.

So modern wie eben auch in dieser Zeit Senioren sind, oder sagen wir mal 50-Plus-Generierte.

Eigentlich würde ich ja noch gerne ein lustiges Gedicht, sozusagen als Appetithappen zufügen, aber das passt wohl nicht so echt in diese Zeit. Die da so traurig gestimmt ist, zu der Ordnung, Disziplin und Abstand, nun auch noch die Vereisung der persönlichen Emotionen angesagt ist.

Das Leben neu gestalten, ohne Freundinnen und Freunde, wie das?

Neues Leben kreieren in der hiesigen Gesellschaft und dabei den Grundsätzen katholischer Soziallehre und den Kernforderungen zum sozialen Leben aus der Enzyklika Laudato si. folgen? Wie soll ICH das allein hinbekommen ? Irgendwie bringt diese »Auszeit« uns zurück aufs eigentliche Sein.

Was um Himmels willen brauche ICH Mensch eigentlich so zum Leben?!

Der ganze Stapel zum Einkleben daliegender Belege flattert vom Tisch, der Hund hat Hunger und hat mit einem einfachen, aber kräftigen Stubs die nun vorbereitete Ordnung durcheinandergewirbelt.

Weniger ist mehr, denke ich, und Aussitzen oder Abwarten hat sich ja schon oft bezahlt gemacht.

Ich füttere den Hund, nix Premio, nur Trockenfutter eines Discounters, die Tierhandlung, vorübergehend geschlossen, gut so. Der Hund frißt‘s, auch wenn es ihm auf Dauer seine Lebenserwartungszeit um mindestens zehn Prozent verkürzen wird.

Gibt’s nicht einen Spruch dazu?

Es prüf, wer sich ewig bindet, ob auch das Herz zum Knochen findet?! ... Blöder Spruch.

Es kann der beste Mensch nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Virus ...

Enne menne miste, es rappelt in der Kiste, enne menne meck, da war C weg ... haha.

Seit wann habe ich solch abstruse Gedanken? Doch schon irgendwie infiziert, nur mit dem noch unerforschten Mutationsvirus? Corona Virus 19plus? Horror.

Ich muss telefonieren, auch wenn‘s gerade noch 6 Uhr in der Früh ist, vielleicht hat mein Freund Frühschicht oder die Kinder sind schon wach.

Hallo, hallo, ja ich, – Pause-hey Ulli, was,...gerade zurück, ... wieso… was, auch euer Opa?... und ist er überm Berg?... was, ...nee so nicht. Ich meine ...was ... ja melde dich ... nachher ... bin daheim ...bye bye.

O je, der auch noch, und gleich so persönlich involviert. Eigentlich wollte ich was loswerden.

Kontakte ... kaum, Begegnungen, fast gar nicht.

Kirche auf Abstand, Chorgruppe nicht mehr, Konzert ... never ... noch nicht einmal beim Sterben eines Bekannten konnte ich dabei sein. Einsamer geht’s kaum, nur leise säuselt der Wind.

Und mit der Frau?! Nähe mit Abstand, jeder von uns hat so seine Kontakte ... man weiß ja nie, ob da das Desinfizieren reicht? Sogar der Hund bleibt erst mal draußen, sicher ist sicher.

Ulli‘s Opa hatte ich doch noch im März beim Geburtstag gesehen und geknuddelt, er freut sich immer so als allein lebender Opa. Dabei hat er doch noch so fit ausgesehen.

Tja, wenn er nun einen Rollstuhl braucht und gar nicht mehr selber laufen kann, brauchen die auch ein größeres Auto. Wäre eh angesagt, mit drei Kindern, die wachsen auch flott. Gute Zeit für‘n Ökoauto – bis zu 9000 Euro Preisnachlass bzw. Förderung durch rückfließende Steuermittel. Ein Lichtblick.

Exklusive Angebot gibt’s da doch momentan für alle, ja richtig, für alle, da gibt’s keine Ausnahmen.

In den Geschäften wimmelt es doch zurzeit nur so von Sonder-Rabatt-Angeboten.

Aber wenn ich jetzt mal jemanden ganz spontan umarmen möchte, dann ist das mit ohne Garantie, war ja schließlich diese Woche drei Mal zum Einkaufen in diversen Geschäften unterwegs.

Endlich, Ulli meldet sich, der Hund klettert noch etwas unbeholfen aufs Sofa neben mich, wenigstens das, seine Nähe tut gut.

Was sollte ich nun zuerst regeln. Nee, ganz klar, der Hund hat mich immer, zur Zeit mindestens. Das Telefonat mit Ulli geht vor.

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Was ?!

Ja hey, erzähl mal, ja ...hm ... ah ...ok … was, DU bist Bus gefahren, ach so mit Opa. Wieso habt ihr kein Taxi genommen? Wie, meinst du echt, dass die Taxifahrer ausländischer Herkunft es mit der Hygiene nicht so ernst nehmen wie es vorgeschrieben wird? Glaub ich nicht.

Seit wann? Ach nee, auf einmal? Und was denkst du, doch Corona?... ja ja ... hört sich auch danach an. Neee ... hm ... ja komische Diagnose, wie alt ... ja genau, da war er 89 geworden ... im März ... stimmt ... jaja.

Na, da ist er gut versorgt ... wollt ihr ihn zu euch nehmen, unten ... ach ja ... du hattest ja die Garage umgebaut ... jaja, ebenerdig ... gut ... und Rita?

Macht Homeoffice ... ok. Klar ... na ja, wenn die Kindergärten wieder Vollprogramm machen ... ja, geht doch oder? Und sonst ... mir?

Aaach, ich weiß gar nicht, viel zu sortieren und aufzuräumen, aber das bringt‘s auch nicht. Ja sozusagen ... die fällt einem echt auf den Kopf, das kannst du wohl sagen.

Aber hör mal, ich hatte ne Idee, na, ne Bowl-Gruppe bei uns im Garten ... das Gartenhaus ... nee nee, ist aufgeräumt ... da können wir auch endlich mit dem Bierbrauen beginnen. Hast du noch die Lizenz ... jaja, das kommt auch noch, später.

Weiß gar nicht, was ich dieses Jahr wählen soll ... nee nee ... sonst ist alles gut gelaufen, während der Pandemie ... ich musste auf nichts verzichten ... sogar die Eier vom Geflügelhof wurden uns vor die Tür gestellt. Eigentlich mag ich ja unseren Ortsvorsteher gar nicht, auch nicht seine Partei, aber so. Der hat das echt für die ab 60zig-Jährigen hier im Ort mit organisiert ... klar nicht ohne Absicht.

Ach ... hast recht, eigentlich fehlt es mir an allem. Musik ... Theater ... Kabarett ... Parks ... na, die gehen ja ... wie bei Preußens... rechtsherüm linksherüm ... nicht stehen bleiben ... Abstand wahren, völlig verrückt. Nee, waren wir auch nicht ... ausgefallen.

Stell dir vor, die haben echt alle Tulpen vernichtet ... 5000 ha ... eine Schande ... da hätten eine Million Menschen Freude in Vasen daran gehabt, vorbei, Gründüngung.

Was? Das Büdchen hat endgültig geschlossen, nee doof, und wo bekomme ich nun sonntags die frischen Brötchen her und die Zeitung?? Wusste ich noch gar nicht ... nee, doof.

Und sonst ? ... Na ja Gartenzeit eben ... ja ja ... wusste gar nicht, was es da alles noch zu gestalten gibt. Bin alle zwei Tage im Gartencenter.

Alles Angebote dank Corona, hab ein Loch in die Hecke geschnitten zum Hallosagen, wenn mal jemand zufällig vorbeikommt.

Ja ja ... schlimme Zeiten, dank Sonnenschein und Wassermangel ist die Wiese völlig vertrocknet, gelb, wie die Menschen in Fernost. Da ist es ja alles im Oktober schon losgegangen ... oder?? Nun ja, bei uns war es der Kreis Heinsberg. Da kam der Landrat so richtig ans Arbeiten. Hat aber gut funktioniert, steht noch alles. Das Schwimmbad, die VHS ... nee auch noch zu.

Ich habe ganz rauhe Hände bekommen, das blöde Desinfektionsmittel ... nee, das nehme ich nicht, habe das von Huddel ... klebt nicht so ... ansonsten ...hab ordentlich gespart, bis aufs Essen. Du, das glaubst du nicht, passe nicht mehr in meine kurze Sommerjeans aus dem vergangenen Jahr, eingelaufen, glaub‘ ich, bei der letzten Wäsche. ... Ja ja viel zu viel Zeit für so was ... Putze, Aufräumen, Wäsche waschen, Garten neu bepflanzen, Garage aufräumen.

Das sage ich dir, wie geleckt. Was ... hinter eurem Garagenhof? Die Baracken ... was, sind die da noch immer drin? Die armen Teufel! Ja, hab ich auch schon dran gedacht. Neee, vorbei gehe ich da nicht mehr, zumindest nicht alleine und im Dunkeln schon gar nicht, auch nicht mit Hund ... Ja weiß man‘s ... nee nee ... aber ist schon doof, so zu hausen ... möchte ich nicht.

Wovon die wohl nun leben, in der Gemüsefabrik haben sie Pause, quasi vier Wochen Quarantäne ... lange oder ... na, denke die sind da die Ausnahme, werden von der Firma gut versorgt. Bei UNS, sechzig Prozent Kurzarbeitergeld bekommt die Elly ... drei Kinder ... Mann krank ... hab ihr schon mal paar Eier und ein Brot vor die Tür gelegt.

Also, es hat geklingelt... was ... ja ja morgen telefonieren wir wieder ... aber über Whatsapp ... ist billiger.

Klaro,müssen jetzt alle den Gürtel enger schnallen ... aber erst nach 15 Uhr ... hab um elf einen Privattermin bei meiner Friseuse und der Fußpflege.

Ok. Grüss deine Frau ... ja, mache ich ... danke.

Pffff, hat das gut getan !

Was rede ich da eigentlich für einen Quatsch? ... na ja, heißt ja quatschen ... können auch Männer, klaro.

Aber es fehlt eben, auch mir, sogar: Das Lächeln der Menschen verschwindet hinter den Masken, schade.

Na ja und riechen geht auch kaum mehr, die Desinfektionsmittel riechen nun mal sehr stark.

Muss aufpassen, nicht in dieser Leere zu verschwinden oder nur noch zu flüchten. Unsere Urinstinkte sind nun besonders stark in Gang gekommen ... Notfallprogramm sozusagen.

Bedeutet aber auch Anspannung, Stress und ggf. Überreaktion. Klar, habe begonnen von den Six-Packs Klosterbier auf die Kistenpackung umzusteigen. Zum einen, um weniger Einkäufe zu haben, zum anderen aber auch, um dem höheren Verbrauch nachzukommen.

Zum Glück nicht so dramatisch wie beim Klopapier ... der Umsatz der Brauereien stagniert sogar ... komisch, oder?

Sogar die Vögel hatten im August zum Schweigen aufgerufen, verfrühte Brutzeit mit anschließendem Ausruhen bei großer Hitze und Energieeinsparung.

Das werden wir auch, seit März ist die Heizung aus. Parallel zu Corona flog die Wärme zu uns. Nun, Mitte September Hochsommer, mit 34 Grad Celsius, ganz schön verrückt.

Weg, raus, aber wohin und wie? Freiheit in Grenzen. Für mich zu viele Grenzen, besonders bei bestimmten Sehnsuchtsorten.

Da bleibe ich doch lieber zu Hause, so wie es unser Gesundheitsminister empfohlen hat, oder war‘s die Kanzlerin? oder ... egal ... zu Hause ist zu Haus, der Rest kann mich mal.

Hab‘ eine gute Zeit (trotz dem C19)

P. S.: Mit wem wollte ich doch nachher noch telefonieren? Nee, skypen war‘s, oder mailen, genau! ... Also dann.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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