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Wichtige Werte werden wieder sichtbar

vom 13.04.2020
von Tilmann Wolf

Gedanken im März 2020

Heute früh beim Erwachen hatte ich Gedanken, die mich sehr froh gestimmt haben. Und das obwohl oder weil wir gerade durch eine bisher nie da gewesene Krise gehen, deren Ausgang noch immer ungewiss ist. Eigentlich eine Situation, in der eher Angst eine angemessene Reaktion zu sein scheint.

Froh stimmte mich, dass wichtige Werte in unserem Land wieder sichtbar geworden sind. Man hatte in den letzten Monaten und Jahren den Eindruck, unsere Werte und Sitten würden verfallen. Das wäre langfristig eindeutig weit dramatischer als die gesamte Corona-Krise!

Welche Werte meine ich?

1. Wir haben Politiker, die im Ernstfall persönliche Profilierung und Eitelkeiten zurückstellen können und überlegt und verantwortungsvoll handeln.
Ich sage das, obwohl wir unkoordinierte Maßnahmen erleben mussten und manches Züge einer Expertenherrschaft trägt. Und obendrein herrscht auch unter Experten keine einheitliche Sicht.
Aber wäre es nicht sehr bedenklich, wenn es sofort eine einheitliche Sicht unter Politikern und wenn es nur eine einzige Expertenmeinung geben würde? Ich denke schon, denn Politiker und Experten sind Menschen, sie sind – Gott sei’s gedankt – unterschiedlich im Wesen, in ihrer Weltsicht, in der Art zu denken, und sie leben in unterschiedlichen Erfahrungsräumen, haben unterschiedliche Lebensgeschichten, Lebensumstände und damit unterschiedliche Prioritäten. Diese Unterschiedlichkeit wirkt manchmal »lästig«, weil Abstimmungs- und Klärungsprozesse oft so mühsam sind und weil jede Entscheidung am Ende auch berechtigte qualifizierte Kritik findet.
Wieso ist aber dieser mühselige Bewertungsprozess so wertvoll? Dieses Ringen um die richtigen Entscheidungen hat die wichtige Funktion der Qualitätssteigerung. Je konstruktiver gerungen wird, desto besser wird das Ergebnis. Dies auch dann, wenn dieses Ergebnis dennoch mängelbehaftet ist. Im Krisenprozess findet ein ständiges Lernen und Nachjustieren statt. Es geht nicht anders. Neue Erfahrungen müssen berücksichtigt werden. Der Mut, Irrtümer zu korrigieren, ist wichtig!
Jetzt wurde in hoher Geschwindigkeit ein Maximum an Einigkeit erzielt – und das, ohne dass »eine starke Hand« mit einem schnellen »Basta« ihre Sicht durchgedrückt hat. Ein beachtenswert gutes Zeichen für die Qualität unserer demokratischen Strukturen. Ein guter Grund, zuversichtlich und glücklich zu sein!
Die Populisten sind – so mein Eindruck – von der Bildfläche verschwunden. Sie haben augenscheinlich keine artikulierbare Meinung, die sie jetzt in ihrer üblichen Selbstgefälligkeit herausposaunen könnten. Jetzt geht es ja auch darum, folgenreich zu handeln. Die Populisten werden – sobald das Wesentliche überstanden ist – sich mit lautstarker Kritik an den vermeintlichen und echten Mängeln des Krisenmanagements abarbeiten. Warten wir’s ab.

2. Solidarität ist stärker als der Egoismus, der angstgetrieben ebenso klarer sichtbar wird. Klopapier wird knapp und Gegenstand von Egoismen. Milliarden aus der Staatskasse – aus unserem gemeinsamen Vermögen – werden flüssig, um die Verlierer zu stützen, um Schwachen zu helfen. Zwar würde ich wünschen, dass dieses Prinzip auch unter Normalbedingungen ein stärkeres Gewicht hätte, aber ein Grundkonsens in unserem Land wird deutlich: Nur gemeinsam kommen wir gut durch die Krise. Dieses Prinzip ist rund um den Globus nicht selbstverständlich. Ein Grund zur Freude über unser Land! Dies auch dann, wenn wir sicher auch noch zusätzlich andere EU-Länder werden stützen müssen. Jede Gemeinschaft hat Mitglieder mit unterschiedlicher Mentalität. Der mühsame EU-Prozess ist ein Weg, der in kleinen Schritten aus einer Gemeinschaft mit Lokomotiven, Waggons und Bremserhäuschen zu einer Gemeinschaft werden kann und werden wird, die eher einem Zug aus Triebwagen ähneln wird. Und wir werden froh sein, dass wir alle mitgenommen haben, weil sie auch Teil eines starken Ganzen geworden sind. Dies zu unser aller Vorteil. Geduld wird sich lohnen.

3. Solidarität ist stärker als Egoismus, das auch im Detail der kleinräumigen kommunalen und regionalen Gemeinschaften. Wie bei der sogenannten Flüchtlingskrise finden sich zahlreiche Initiativen und noch mehr Menschen, die tätige Nächstenliebe und Solidarität praktizieren. Der Krisen-Test macht wieder sichtbar, dass wir keine vereinzelte Egoisten-Gesellschaft sind. Ich könnte jubeln!

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4. Ein Ausnahmezustand erweitert den Erfahrungshorizont. Was die Kriegsgeneration in der jungen BRD tief in sich trug und den neu erworbenen Wohlstand mit der erlittenen Not vergleichen ließ, das fehlt späteren Generationen. Zudem hämmern heute Starkult, überzogene Selbstverwirklichungsideale und der allgegenwärtige Vergleich mit dem, der sich mehr leisten kann, mit dem, der ein höheres Ansehen genießt, täglich den Minderwert ins Gemüt: Wenn ich … wäre und … hätte, dann … Unzufriedenheit nagt.
Und jetzt: Selbstverständliches geht verloren, das Leben geht weiter – ups! Wir werden belastbarer, stabiler – krisenfester. Diese Erfahrung, ein wertvoller Schatz – wir sollten ihn bewahren. Stärkung, die beim Muskeltraining im Fitnessstudio funktioniert, ist im Bereich mentaler Krisenfestigkeit als »Studio-Leistung« nicht zu haben.

5. Die Natur atmet auf. Gottes Schöpfung – unsere Lebensgrundlagen, die wir so sorglos mit großen Füßen zertreten – darf eine Sekunde »Luft holen«. Vielleicht könnte dies ein Impuls sein, vom Immer-mehr, Immer-schneller und Immer-größer etwas abzurücken. Irgendwann in naher Zukunft werden wir begreifen müssen, dass jedes System, das in einem endlichen Raum immer nur wächst, dem sicheren Untergang entgegengeht. Wirtschaftsexperten glauben an ein Paradigma, das in Zeiten geboren wurde, als die Ressourcen der Erde noch »unendlich« schienen ...
Ich fürchte, Corona hat nicht die »Kraft«, als direkte Folge ein Umdenken wirksam werden zu lassen. Gott sei Dank, denn eine Krise, die diese Wirkung unmittelbar hervorrufen würde, möchte ich nicht erleben. Es wäre bestimmt tausendmal grausamer als Corona.

Bei all dem will ich nicht das Leid derer übersehen, die aus der Coronakrise traumatisiert hervorgehen werden. Dies, weil ein lieber Mensch viel zu früh verstorben ist, weil die wirtschaftliche Lebensbasis unwiderruflich zerbrochen ist oder andere Folgen tiefe Narben hinterlassen haben. Und hier müssen wir den Blick weiten: Zuerst sehen wir die Menschen in unserem Land, dann die Nachbarn und die EU.
Aber auch die, die es noch viel schwerer trifft, weil sie in Kriegsgebieten, in Armut oder auf der Flucht keinen Schutz genießen, will ich nicht übersehen! Gott gebe uns die Kraft und die Weisheit, auch an dieser »Baustelle« erfolgreich zu arbeiten.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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