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Frederik und Manuela

vom 25.04.2020
von Ulrike Bauer, Heidelberg

Frederik – das Bilderbuch in den Kindertagen meiner mittlerweile erwachsenen Kinder. Ich entdecke es wieder, ohne es aus dem Regal zu holen.

Meine jüngere Tochter lebt mit einer seelischen Behinderung – sehr frühe, sehr schwere traumatische Erfahrungen prägen ihren Umgang mit dem Leben und mit den Menschen heute noch.

Nun, ihr Arbeitsplatz, die Werkstatt für Menschen mit Behinderung, ist geschlossen, manche ihrer lieben Freunde (KollegInnen) sind in den Wohneinrichtungen sehr isoliert. Auch meine Tochter ist zu Hause, und sie ist aufgefordert, sich mit sich zu beschäftigen – eine der schwierigsten Aufgaben für sie überhaupt.

Und meine Tochter? Sie wird ohne genauen Plan zu »Frederik«. Sie hat so viele Sonnenstrahlen in sich hinein gesammelt, dass sie reichen, um allen Freunden ein bisschen davon abzugeben. Jeden Abend schnappt sie sich das Telefon und ruft ihre liebsten Menschen der Werkstatt an, erzählt, was ihr in den Kopf kommt, berichtet, was der Tag für sie bereithielt, und verschwurmelt sich in den Plänen für den Sommer – sicher wird die Freizeit stattfinden im August, sicher werden sie abends am See sitzen und die Sonne, später die Sterne beobachten, sicher werden sie wieder so viel auf den Spaziergängen lachen wie »letztes Jahr«, sicher werden sie in unserem versteckten Haus auf dem Land ihren »Arbeitseinsatz« genießen und ins Schwimmbad ausbüxen, sicher …

Und es werden Kuchenrezepte kolportiert, neueste Experimente mit alkoholfreien Cocktails zur Vorbereitung auf das im Herbst zu feiernde Geburtstagsfest berichtet … –

Träume, Sonnenstrahlen.

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Am Ende kann sie selber den Tag, mit dem sie oftmals haderte, glücklich beenden, zumindest glücklicher, als es noch ein paar Stunden vorher den Anschein machte. Sie weiß, wie schwierig es ist, wenn Menschen nicht lesen, nicht schreiben können, nicht so gut gelernt haben, sich selbst zu beschäftigen – und sie gibt ein bisschen von dem Glück weiter, dessen sie sich doch gar nicht bewusst war bis dahin.

Es trägt sie oft ein gutes Stück hinein in den neuen Tag.

Und ich freue mich auf diese Stunden mit ihr, sie sind in diesen Zeiten gerade mitunter die unbeschwertesten Stunden mit diesem Kind, das so voller Sorgen sein kann.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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