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Etwas ist geblieben, manches fehlt, Neues wächst

vom 03.04.2020
von Ortrud Harhues, Münster

Gutes Essen schmeckt mir noch
Autos parken wie immer die Bürgersteige zu
Bonpflicht im Supermarkt nicht abgesagt
Alltagswege mit dem Rad sind weiter möglich
Mein Job bleibt mir erhalten
Ein warmes Bett und eine heiße Dusche habe ich noch immer

Freunde und Familie bleiben im Kontakt
Zufallstreffen auf der Straße wecken große Freude,
lächeln und winken und weitergehen

Tatort am Sonntag
Tagesschau an jedem Abend
schenken Normalität

Mein Mann im Bett neben mir lässt mich nicht alleine
Engagement bleibt: Die Tafel verteilt Lebensmittel draußen
Das Abendgebet spreche ich weiterhin täglich
Zeichnen geht auch zu Hause gut
Bleibe angewiesen auf die Arbeit anderer
Doch lauert ein Gefühl von Unwirklichkeit und Angst im Hinterkopf


Keine Restaurantbesuche, kein Sitzen im Straßencafé trotz warmer Frühlingssonne
Staumeldungen im Radio sind Mangelware
Bargeld braucht man nicht mehr
Vierzig Bahnen schwimmen verboten
Das Büro: geschlossen
Gespräche über das Neuste vom Tag in der Mittagspause fehlen mir sehr
Klopapier, Mehl und Hefe sind extrem begehrt
Karten spielen mit Margret fällt aus – sie gehört zur Risikogruppe
Kein Händeschütteln, kein Begrüßungsküsschen
Gemeinsame Spaziergänge mit Freundinnen sind nicht erlaubt

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Der Terminkalender ist leer, alle Termine abgesagt
Sonntagsgottesdienste erlebe ich vorm Fernseher oder vor dem PC
Der Skizzen-Kurs in der Stadt kann nicht stattfinden
Buchhandlungen, Secondhandläden, Kinos und Kaufhäuser geschlossen
Konzerte, Lesungen, Theater abgesagt
Viele Selbstverständlichkeiten zerbröseln


Ich höre Vögel zwitschern,
jeden Tag Sonntagsruhe auf den Straßen
Kontaktloser Lieferservice wird normal
»Bitte zahlen Sie mit Karte« steht an der Supermarktkasse
Spaziergang mitten am Werktag, ein neuer Luxus im Berufsalltag
Homeoffice mit Videokonferenzen, wir lernen gemeinsam neu
Mundschutz und Desinfektionsmittel, wer hat so was schon zu Hause?
Viel mehr Telefon und WhatsApp durchströmt meinen Alltag
Skypen schafft den Anschein von Nähe, wenigstens sehen wir uns
Mindestabstand zwei Meter
Lese alle zehn Minuten aktualisierte Nachrichten auf dem Smartphone,
ich kann nicht anders
Auch das ist neu
Sieben freie Abende in der Woche schaffen ungeahnten Krisenluxus
Neue Rituale ziehen ein:
eine Kerze im Fenster um halb acht
eine Abendgeschichte von Andreas um acht über YouTube
Langsamkeit und Achtsamkeit können Raum gewinnen


Geleerte Stunden
Zeit und Lust zum Schreiben wachsen
Zeit zum Denken
Beifall und Zulagen für Krankenschwestern, Kassiererinnen, Lkw-Fahrer und Müllwerker, reicht das?


Etwas ist geblieben, manches fehlt, Neues wächst
zwei Wochen Leben im Coronamodus

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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