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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

Ein bisschen AfD-Ausladen funktioniert nicht!

von Siegfried Eckert vom 09.11.2016
Siegfried Eckert ist Pfarrer, und er hat ein Problem: Beim großen Reformations-Kirchentag 2017 könnten rechte Politprovokateure auf den Podien sitzen. Eingeladen werden soll der ein oder anderen AfDler. Eckert fragt sich: Warum betont dann der Ratsvorsitzende meiner Kirche auf der heute zu Ende gehenden Synode, dass Christen »klare Kante« gegen »rechte Kampfrhetorik« zeigen sollen? Ein Zwischenruf
Pfarrer Siegfried Eckert (Foto) will keine AfD-Politiker auf Kirchentagspodien sehen: »Ein bisschen AfD-Ausladen funktioniert nicht!« (Foto: privat)
Pfarrer Siegfried Eckert (Foto) will keine AfD-Politiker auf Kirchentagspodien sehen: »Ein bisschen AfD-Ausladen funktioniert nicht!« (Foto: privat)

Seit 1979 besuche ich Kirchentage. Mehr als fünfzehn Jahre wirke ich daran mit. Umso weniger verstehe ich die schwammige Haltung des Kirchentagspräsidiums zur AfD. Seit dem Frühjahr ist ein unnötiger Streit über die Teilnahme der AfD beim nächsten Kirchentag entbrannt. Ein neuer Beschluss versucht zwar, den Schwelbrand wieder zu löschen. Doch die Art und Weise ist völlig ungenügend.

Der Kirchentag »versteht sich als ein offenes Forum für faire Debatten über aktuelle Themen in Kirche und Gesellschaft«, betont die Erklärung. Dass die Einladungspolitik des Kirchentages nicht immer offen und fair abläuft, bekam zuletzt in Stuttgart das Zentrum Frieden zu spüren. Aktuelle Themen auf seine Bühnen zu bringen gehört zum Markenkern des Kirchentages. Aber rechten Politprovokateuren ein Forum zu bieten ist etwas anderes.

»Es wird niemand wegen seines Parteibuches ein- oder ausgeladen«, heißt es in dem Beschluss. Es ist aber schizophren, wenn Parteibuch, Parteigänger und Person voneinander entkoppelt werden. Die Chefetage der protestantischen Laienbewegung läuft Gefahr, in dieser Hängepartie die Bodenhaftung zu verlieren. Zu Hunderttausenden hat das Kirchentagsvolk die Ärmel hochgekrempelt, um Flüchtlingen zu helfen. Jetzt sind wir auf der mühsamen Langstrecke der Integration angekommen. Dafür braucht es Rückenwind und keine Haarspalterei in der Haltung zur AfD.

»Am Anfang war das Wort«, lautete das Motto der Reformationsdekade. Für Protestanten empfiehlt es sich, die Worte der AfD zu studieren. Deren Rhetorik hat den Nährboden bereitet für brennende Flüchtlingsheime und Angriffe auf Ausländer.

Drei Kriterien für Einladungen auf Kirch

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Kommentare
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Manfred Sprunk
24.11.201622:46
Ist es nicht merkwürdig, dass Margot Käsmann
mit Konstantin Wecker in Stuttgart nicht
ins offizielle Programm des Kirchentages
aufgenommen wurden für eine Veranstaltung zum
Frieden, und am Stadtrand in einer viel zu
kleinen Kirche auftreten mussten, Nun aber
AfD-Vertretern ein Forum gegeben werden soll.
Wer soll das verstehen. Manfred Sprunk
Arno Zimmermann
12.11.201617:42
Ich verstehe es auch nicht!
Das kommt mir vor, wenn ich ein Pyromanen in den Kindergarten einlade, um den Kinder die Kraft + Gefahr von Feuer vorführen will!
Hubert Förschner
12.11.201612:01
Die Ausgrenzung einer Partei von über 10 % hilft nicht weiter- auch wird nicht die AfD eingeladen, sondern einzelne Personen, genauso wie bei den Muslimen und den Linken. Klare Kante zeigen, bedeutet ja gerade keine Gesprächsverweigerung, sondern die Annahme einer Auseinandersetzung.
Ursula Schrumpf
12.11.201611:50
Die Wahl dieses D. Trump zum Präsidenten wird das Weltklima kälter machen.
Man könnte glauben die Apokalypse ist nah.
Die gewaltbereiten rechtsradikalen werden leider nicht gestoppt.
Ich habe große Angst wo das alles wieder hinführt wenn die Nazis und AfD wieder so viel Einfluss in Deutschland haben.Ich finde auch; keine Bühne für die AfD!!!
Peer
11.11.201620:06
Es macht keinen Sinn Rassisten mit antidemokratischen Gesinnungen auf einen Kirchentag einzuladen. Also klare Kante ist wünschenswert. Keine Bühne der AfD!
Wilhelm Carl
11.11.201619:33
Genau wie im Antisemitismus gibt es Menschenfeindlichkeit nicht nur von rechts, sondern verstärkt von links und aus dem Islamismus. Die einseitigen Stellungnahmen gegen AfD kann ich nicht nachvollziehen. Das ist für mich Interesse-geleitet politisch, nicht Menschen-orientiert am Evangelium.
Thomas Suckow
11.11.201618:54
Mit welchem Begründung dürfen also Mitglieder der neoliberalen Einheitspartei im Deutschen Bundestag, mit den Flügeln CDU/CSU, SPD & Bündnis90/Grüne auf den Podien sitzen & Mitglieder der genauso neoliberalen AfD nicht?

Ich bin sehr verwundert, daß die vom Hartz-Regime terrorisierten Menschen nirgendwo eine Lobby finden. Liegt das vielleicht daran, daß sich, bei Kenntnisnahme & Akzeptanz des Hartz-Unrechtes, der rechte Rand der Gesellschaft in Bereiche verschieben würde, die als "christlich"-konservativ bis "links" bezeichnet sind? Ich werde nie verstehen, was an den neoliberalen Kriegs- & Agenda-Parteien CDU/CSU, SPD & Bündnis90/Grüne christlich oder links sein soll & warum ausgerechnet diese Parteien, für die der Verfassungsbruch zum alltäglichen Politikgeschäft gehört, so ganz anders sein sollen, als die AfD. Abgesehen davon: Die AfD hat das, was die benannten Parteien längst vollzogen haben & noch vollziehen, in, zugegeben schärferem Maße, erst noch vor...
Thomas Suckow
11.11.201618:54
Es ist schon irritierend, wer sich da auf den Podien eines Kirchentages äußern & eine humanistische, christliche Gesinnung vorheucheln darf. Warum gelten ausgerechnet für die Afd andere Kritierien?

Wenn in Deutschland nach 80 Jahren wieder eine Minderheit, diesmal die Minderheit der Mittellosen & Mittelschwachen unter eine grundgesetzwidrige, wesentliche Bürgerrechte aberkennende Sondergesetzgebung gestellt ist, um die Zugehörigen unter Androhung der Existenzvernichtung (Sanktionen bis zu 100%) für einen Niedriglohn- & Leiharbeitssektor, der Deutschland zum Exportweltmeister macht & ihm die Hegemonie in Europa sichert, zwangsrekrutieren zu können & die, nicht mehr Ausbeutbaren dieser Minderheit, mit ihren Familien per Gesetz in bitterster Armut leben & damit sehr effektiv aus der Gesellschaft der solventen Bürgerinnen & Bürger ausgeschlossen sind, dann ist der Umgang mit diesen Menschen genauso Prüfstand, wie der Umgang mit Flüchtlingen & Asylbewerbenden.
HarLeKin
11.11.201618:33
Bei ungezählten Gelegenheiten erhielten Vertreter der AfD die Möglichkeit sich öffentlich zu äußern, sich einer Diskussion zu stellen. Ich habe bisher von keinem einzigen solchen Auftritt erfahren, dass der AfD-Vertreter sich hätte überzeugen lassen. Im Gegenteil: solche öffentlichen Podien werden genutzt, um die abstrusesten Thesen laut hinaus zu posaunen, je wirrer, desto besser – man kann ja anschließend zurückrudern, dementieren, abschwächen (System Storch, Petry & Trump). Den Populisten wurde lange genug zugehört, es wurde oft genug mit ihnen gesprochen. Damit muss Schluss sein, klare Kante: die Böcke zur Linken!
M. Wolf
10.11.201618:06
Eckert beklagt als "schwammige Haltung", was aus meiner Sicht ein ernsthafter Versuch ist, einerseits die Tür zum Dialog auch mit Vertretern der AfD nicht zuzuschlagen und andererseits die Grenze zu markieren, jenseits derer Äußerungen und Haltungen nicht mehr hinnehmbar sind. Ist diese Sicht naiv? Geht es am Ende tatsächlich nur darum, dass nicht ausgesprochen werden soll, was eigentlich gewollt ist - eine Ausladung? Das wäre schade. Es muss doch möglich sein, eine klare Position gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit mit wacher Gesprächsbereitschaft gegenüber - und das ist wichtig - ihrerseits gesprächsbereiten Mitgliedern der AfD zu verbinden. Mit anderen lässt sich ohnehin nicht diskutieren. Wiederum: Ist die Annahme naiv, dass die AfD auch Mitglieder hat, mit denen man sprechen kann? Ich weiß es nicht. Aber es lohnt den Versuch, das herauszufinden.
Paul Haverkamp
10.11.201617:11
Religion und Moral taugen nicht als Wertemaßstäbe, um in AfD-Anhängerkreisen ein Nachdenken ihrer xenophoben und rassistischen Ansichten zu bewirken.

Für diese Leute zählt nicht Gott und das Gewissen, sondern für sie sind Gewalt und Hass das Petitum ihres Handelns.

Wer ohne Umschweife das Völkische, Rassische und Nationalistische zu Grundlagen seiner Politik erklärt, stellt nur seine Geschichtsvergessenheit und postfaktische Grundeinstellung unter Beweis. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Vorurteile sich nicht revidieren lassen – weder durch Religion noch durch Philosophie.

Dennoch bleiben Aufklärung und Bildung zur Abwehr dieser Gefahren wichtig. Doch gleichzeitig gilt es auch, die sozialen und wirtschaftlichen Schieflagen sehr ernsthaft zu bekämpfen und durch ein Mehr an Fairness, Gerechtigkeit und Wohlstandsteilhabe nachhaltig auszutarieren.

Arroganz und Ignoranz der Herrschenden führen in den Abgrund.

Paul Haverkamp, Lingen
Nic
09.11.201614:59
Wenn sich der Kirchentag einer Auseinandersetzung mit den drängenden Themen und Akteuren der Gegenwart entzieht, wird er und die Kirche selbst von den Menschen verlassen. Dies gilt umso mehr, als die Kirche in der letzten Zeit sich unkritischer mit dem Islam auseinandersetzt und diesen oftmals sogar hofiert. Es wäre an der Stelle viel über den Islam zu sagen, aber eine Religion, die die Häresie mit Gefängnis oder Tod bestraft, muss kritisch hinterfragt werden, auch unter dem Gesichtspunkt der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit.
Nic
09.11.201614:57
Der Streit über die „Teilnahme der AfD“ ist nicht „unnötig“. Zum ersten geht nicht um die Teilnahme DER AfD, sondern um die einzelner Mitglieder. Zweitens ist der Streit nötig, geht es doch gesellschaftlich akut um die Themen, die AfD aufgreift. Der Autor unterstellt allen AfD-Mitgliedern pauschal ein „Feindbild Islam“ und nennt sie „völkischen Agitatoren“. Äußerungen von AfD-Mitgliedern mögen verletzend und abwertend gewesen sein, aber dies gibt es bei Vertretungen anderer Gruppen auch. Sagte man nicht immer, „wer redet, schießt nicht“ ? Sollte man nicht deshalb mit Vertretern der AfD reden? Könnte man sie vielleicht nicht von der eigenen Ansicht überzeugen? Oder hat man Angst, die andere Seite könnte gute Argumente haben? Könnte es sein, dass Menschen, die tatsächlich die Worte des AfD-Programm studieren, merken, dass es einiges gibt, mit dem sie konform gehen können?