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»Diese gotteslästerliche Bude«

von Christoph Dieckmann 05.04.2017
»Eine Militärkirche gehört nicht zur Versöhnungsgeschichte des Evangeliums«, sagt Christoph Dieckmann, »sie zählt zur Missbrauchsgeschichte.« Dieser Satz versetzt Freunde des Wiederaufbaus der Garnisonkirche in Wut. Was der Zeit-Journalist und Theologe jüngst in der Französischen Kirche in Potsdam predigte. Ein deutsches Zerwürfnis
Der Wiederaufbau ist gewissermaßen beschlossene Sache: Historische Ansicht der Garnisonkirche in Potsdam im 19. Jahrhundert, hier zu sehen im Ensemble mit dem Stadtschloss. (Foto des Aquarells von George Housmann: pa/akg)
Der Wiederaufbau ist gewissermaßen beschlossene Sache: Historische Ansicht der Garnisonkirche in Potsdam im 19. Jahrhundert, hier zu sehen im Ensemble mit dem Stadtschloss. (Foto des Aquarells von George Housmann: pa/akg)

»(...) Anfangs war ich gegen den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Deren Ruine sollte Mahnmal bleiben, gegen Militarismus und Krieg. In der Nacht zum 14. Februar 1995 stand ich inmitten von vielhundert Dresdnern, die sich, Kerzen in den Händen, um die Trümmer scharten und Dona nobis pacem sangen. Dann sah ich den Neubau wachsen und spürte unverhoffte Freude. Der 30. Oktober 2005 war schieres Glück. An diesem Tag der Weihe verbrachte ich sieben Stunden in der wiedererstandenen Steinernen Glocke. Ihr gilt mein erster Blick, wenn ich nach Dresden komme und der Zug die Marienbrücke überquert.

Was ich nicht wollte: eine Show-und Touristenkirche, einen Tempel protestantischer Selbstdarstellung, ein Institut zur religiösen Veredelung der Staatsideologie und einer Außenpolitik, die sich immer weiter militarisiert. Am 30. April 2013 luden die Bundeswehr, das sächsisches Innenministerium und die Stiftung Frauenkirche zur Kirchenschändung. In der Frauenkirche musizierte »das Wehrbereichsmusikkorps III der Bundeswehr unter Leitung von Oberstleutnant Roland Dieter Kahle«. Die evangelische Kirche garnierte die Propaganda mit Gebet, auf dass Gott seine Beförderung zum Wehrbeauftragten gefalle.

Der Protestantismus hat eine lange Geschichte opportunistischer Feigheit und staatsideologischen Missbrauchs. Wo, wenn nicht an diesem Ort, müsste sie enden? Christlicher Glaube ist wesenhaft pazifistisch; Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. In seinem Haus ist jeder Mensch willkommen, auch jeder Soldat. Doch er möge einzeln kommen, nicht als Armee. Und entwaffnet, ohne Pauken und Trompeten.

Ich traf Eberhard Burger, den Baumeister der erstandenen Frauenkirche. George Bährs bescheidener Wiedergänger war nun Pensionär. Dennoch besuchte er mehrmals in der Woche seine Kirche, erklomm die zweite Empore und erfreute sich des Wunders auf seinem Lieblingsplatz.

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Herr Burger, hätte die Ruine bleiben sollen? Als Mahnmal zur Entwaffnung der Ideologien?Das konnte ich mir nach der friedlichen Revolution nicht vorstellen, sagte Burger. Die Botschaft dieser Kirche ist Frieden und Versöhnung. Die Kriegserinnerungen unserer Eltern lassen sich nicht verstetigen über die Generationen hinweg. Ich merke das an meinen Enkelkindern.

Das Beispiel Frauenkirche wird im Streit um die Potsdamer Garnisonkirche immer wieder, wie man so treffend sagt, ins Feld geführt. Der Vergleich erhellt; er zeigt den Unterschied. Die Frauenkirche entstand als Gotteshaus der protestantischen Bürgergemeinde, die Garnisonkirche als Walhalla des preußischen Absolutismus. Sie wurde erbaut zwecks gläubiger Rüstung des Militärs zur maximalen Gotteslästerung, dem Krieg. Der Turm ragte 88 Meter auf. Sein Glockenspiel läutete »Nun danket alle Gott« und »Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Fingerbreit vom rechten Wege ab«. Ungezählte führte dieser Weg ins Grab. Der »Soldatenkönig« züchtete Preußens Armee. Sein Sprössling Friedrich II. ließ sie von der Kette, verheerte Europa und produzierte Leichenberge, weshalb er auch »der Große« heißt. Die Garnisonkirche wurde zum Trophäenschrein, ihre Krypta zur Grablege für Vater und Sohn und am 4. November 1803 zur weltgeschichtlichen Bühne. Nacht war’s, als »bey der Asche dieses Unsterblichen« Preußens friedsinniger König Friedrich Wilhelm III., Gattin Louise und Russlands Zar Alexander einander Beistand gegen das Korsenmonster Napoleon gelobten. Preußen fiel, Alexander lief über. Der unsterbliche Altfritz bekam am 25. Oktober 1806 abermals Besuch, nun von Napoleon, welcher »sic transit gloria mundi« sprach und, auf Französisch: »Wenn du noch lebtest, stünde ich nicht hier.«

Ein ebenso fataler Imitator nahte sich am 21. März 1933. Dieses Garnisonkirch-Datum heißt bis heute»Tag von Potsdam«. Hier wurde der neue Reichstag eröffnet, mit Glockengeläut, paradierender SA, Heil!-Gebrüll und unüberschaubaren Massen jauchzenden Volks. Ein berühmtes Foto zeigt, was vor der Kirche geschah. Reichskanzler Adolf Hitler, zivil befrackt, schüttelt die Hand des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der »Tag von Potsdam« verschmolz das bürgerlich-konservative Deutschland mit Hitlers »nationaler Erhebung« und entmächtigte die Demokratie, wobei der greise Reichspräsident demonstrieren wollte, dass die Zentralgewalt bei ihm verbliebe. Doch Hindenburg starb 1934, der Kanzler wurde endgültig zum»Führer«. In der Garnisonkirche hatte er georgelt: »Möge uns dann auch die Vorsehung verleihen jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum um uns spüren, als um unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen an der Bahre seines größten Königs.« Und die Gemeinde sang: »Nun lob mein Seel den Herren.«

Eine Militärkirche gehört nicht zur Versöhnungsgeschichte des Evangeliums. Sie zählt zur Missbrauchsgeschichte, durch Sakralisierung von Nation und Krieg. Warum sollte diese gotteslästerliche Bude auferstehen? (...)«

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Bernd Mende
09.04.201710:42
Wäre bald nachzudenken über den Abbruch des Kolosseums? Unzählige fanden hier den Tod. Und die Cheopspyramide? "Dieser Bau wurde errichtet von Untertanen, die als Leibsklaven Akkordarbeit verrichten mußten." Doch nein, dies ist ein Satz aus dem "Gutachten" zur Berliner Schlossruine 1950, "Denkmal der Reaktion und des Feudalismus". Genau diese Ulbrichtsche Manier, die auch zum Verlust der Potsdamer Heilig-Kreuz-Kirche (Garnisonkirche) führte, wird von Ch. Dieckmann aufgewärmt: ein Bauwerk für die Umstände seiner Entstehung oder für in ihm stattgefundenes Geschehen haftbar zu machen. Ein zweites ist die Sprache. Leipzigs Unikirche (im gleichen schlimmen Jahr 1968 völlig intakt gesprengt) wurde dann schon zu "Blobls Kirchlein", ihre gerettete Kanzel "das barocke Scheißding" (so der Uni-Rektor). Nun wäre dies niedergelegte Hauptwerk des nordeuropäischen Barock, zerstört dank Hitler und Ulbricht, eine Bude, die Gott lästerte? Schämt euch! Bernd Mende, Weimar
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