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»Die Steppe wird blühen«

vom 05.07.2020
von Ulrike Schneider

Wer hätte zu Beginn des neuen Jahrzehnts gedacht, dass wir solch ein Jahr erleben werden. Dass es ein allumfassendes Thema gibt: »Covid 19« und wenn wir ehrlich sind, wer hätte bei den ersten Meldungen in Wuhan damit gerechnet, dass es bei uns zu ähnlichen Einschränkungen, Vorschriften und Maßnahmen kommen kann. – China liegt doch so weit weg! Unser Leben hat sich radikal verändert – es kommt einem vor, als ob die Welt die Luft anhält und zum Stillstand kommt. Alles nur ein Albtraum? Vieles, was bisher wichtig war an Terminen, Veranstaltungen, Unternehmungen, Gottesdiensten, Begegnungen, persönlichen Kontakten usw., ist nicht mehr möglich. Wir müssen nun ein Leben führen, das wir so nicht gekannt haben. Um uns vor einer weiteren Verbreitung des Virus zu schützen, gibt es drastische Einschnitte, die eingehalten werden müssen. Wir haben viel Zeit – manche bezeichnen die Freiräume als »Entschleunigung«, andere als Stille, auf jeden Fall müssen wir »lernen« mit dieser Situation umzugehen. Wie schaffen wir das? Wir bleiben zuhause und haben Zeit für Dinge, die liegengeblieben sind, oder auch einfach mal Zeit innezuhalten – Rückschau zu halten – »Inventur« zu machen. Eine beliebte Möglichkeit dazu war früher nach den Sommerferien: »mein schönstes Urlaubserlebnis«. Oft zehren wir noch lange von schönen Erlebnissen, besonderen Begegnungen oder Veranstaltungen.

Trost oder Kraftquelle in diesen Tagen der Ungewissheit ist für mich eine dankbare Erinnerung an eine zwölftägige Pilgerreise nach Israel, die ich Ende Februar / Anfang März erleben durfte. Ich habe in dieser Zeit das »fünfte Evangelium« kennengelernt, an vermeintlich historischen Orten, das Wort miteinander geteilt und bin auf den Spuren Jesu gegangen, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge, von Jerusalem nach Galiläa. Es war für mich ein Geschenk, an dieser Reise teilzunehmen.

Ein besonderer Programmpunkt dieser Pilgerreise war eine Wanderung durch das Wadi Qelt unter dem Tagesgedanken: »Am Anfang war die Wüste«. – Die Wüste ist für das Volk Israel Ort existenzieller Gottesbegegnung. Wenn wir von Wüste erzählen, denken wir an Trockenheit, Sand und Steine. Und was erlebten wir?

Ein Wunder an Schönheit und blühender Farbenvielfalt, an überschäumenden Bächen und Quellen. Direkt beim ersten Anblick unserer Wanderung durch das Wadi Qelt kam mir das Lied: »Die Steppe wird blühen« von Huub Ooesterhuis in den Sinn.

Im Jesajatext, der in der Adventszeit gelesen wird, heißt es: »Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. Sie soll prächtig blühen wie eine Lilie, jubeln soll sie, jubeln und jauchzen ... Man wird die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes ... Sagt den Verzagten, habt Mut, fürchtet euch nicht ... « Jes. 35,1 ff.

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Welche Bedeutung hat mein Glaube – kann ich den Worten des Jesaja folgen: »Sagt den Verzagten, habt Mut, fürchtet euch nicht«. Gerade in diesen Zeiten der Corona-Epidemie kommen wir uns mutlos und verlassen vor. Wir spüren, dass wir ohnmächtig und traurig all den Schlagzeilen gegenüber stehen. Die blühende Steppe widerspricht unseren Vorstellungen: die Wüste ist ein Ort großer und grenzenloser Weite, zugleich ein Ort, an dem man sich verirren kann, ein Ort großer Gottverlassenheit.

Was sind in diesen Zeiten meine Orientierungspunkte – woran halte ich mich? Wo verirre ich mich in den Wüsten meines Lebens? Wo erlebe ich Trauer und Gottverlassenheit bei all den Vorschriften, Richtlinien und Anweisungen.

Kann ich dem Zuspruch folgen: »fürchtet euch nicht?« Welche Bedeutung hat Gottes Zusage, »habt Mut«. Verlieren wir den Grund und die Quelle unseres Lebens? Lassen wir uns von den frohmachenden Bildern, der »blühenden Steppe« anstecken, von der Zusage Gottes, fürchtet Euch nicht, und vom Traum, der gerade an Ostern uns wieder zugesprochen wird: »Toter, Tote steht auf, es leuchtet der Morgen. Da winkt eine Hand uns, uns ruft eine Stimme ...« Bleiben wir im Gebet miteinander verbunden und halten wir uns an die biblischen Geschichten: »Habt Mut«.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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