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vom 17.06.2021
von Axel Emmrich
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(Foto: Axel Emmrich)
(Foto: Axel Emmrich)
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Maske. Gedanken zu einem neuen Problem

Schön, oder weniger, Frau oder Mann? Besorgt, gar traurig oder happy …

Wie kann ich das im Gesicht meines Gegenüber lesen?

Wir begegnen uns hinter Masken. Ich frage mich, wie sich dadurch unser Umgang miteinander ändert? Corona-Zeit = Masken-Zeit.

Die Maske, die unser erster Schutz ist vor dem Virus, ist doch zugleich ein Hindernis, um sich als Mensch zu begegnen.

Manchmal erkennen wir nicht mal Bekannte, die wir vielleicht länger nicht gesehen haben, hinter diesem Schutz aus Zellstoff.

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Was passiert gerade mit uns, wenn wir kaum mehr die Stimmungen in Gesichtern ablesen können? Täusche ich mich, oder steigt das allgemeine Aggressions-Level? Ein Beispiel: Am Dienstag fahre ich in meinem Auto von einem Bauzentrum in Dinslaken los. 100 m weiter sagt mir mein Navi, ich solle rechts abbiegen. Zur Autobahn, die mein Ziel ist, geht es links ab ... Diese kleine Unsicherheit führt dazu, dass ich mich etwas sperrig, nicht gut, an der Kreuzung in die Linksabbieger-Spur einfädele und so den Rechtsabbieger hinter mir behindere. Ein wildes Hubkonzert quittiert mir diese alltägliche Fehlleistung, der Stinkefinger folgt und zum krönenden Abschluss ein Stapel Flüche übelster Art. ... Endlich fährt der Rechtabbieger an mir rechts vorbei. Es ist zwar eng, aber jederzeit möglich. Einen Tag später sehe ich auf einem Aldi-Parkplatz folgende Szene: Ein Tesla steht in der Fahrspur, wartet offenbar darauf, dass die Ladesäule frei wird, als ein Fahrzeug hinter ihm, dessen Fahrer sich offenbar durch das Warten des Vordermanns so in seinen Freiheitsrechten eingeschränkt fühlte, dass der dem verbal ebenfalls das Schlimmste an den Hals wünscht. Auch hier konnte der unvoreingenommene Beobachter nur feststellen, dass ein einfaches Weiterfahren jederzeit für den Hintermann möglich war. ... Nur zufällige Ereignisse, die jederzeit auch an anderen Orten und Nicht-Coronazeiten passiert wären? Mag sein ... Aber ... solche Beobachtungen häufen sich jetzt. Kann es sein, dass die Maske eine Auswirkung hat, dass Menschen nur noch bei sich sind? So wie sie auch eher den eigenen Atem riechen, der sozusagen zu ihnen zurückkommt, so fühlen sie plötzlich eher sich selbst ... kaum den anderen?

Masken waren ja schon immer Instrumente einer bestimmten Rolle, die es zu spielen galt. Das alte Theater kannte ja nicht den freien Menschen, der sein Gesicht zeigte. Die Spieler verbargen sich hinter ihren Masken. Die Maske drückte aus, welche Figur dort spielte. Auf die Emotion des Spielers kam es nicht an. Auf einen individuellen Ausdruck der Emotion auch nicht. Es gab die lachende Maske, die weinende: Die Emotion war vor dem Gesicht des Trägers. Vielleicht klingt das auch noch an im Wort »Ausdruck«. Im Gegensatz zu diesen alten Theatermasken aber drücken unsere FFP2- oder OP-Masken gar nichts aus. allenfalls Gleichgültigkeit. Jeder schaut nur in neutrale Gesichter. Allenfalls an den Augen ist die Emotion dahinter noch erahnbar. Kein Lächeln begegnet uns im Maskenalltag öffentlicher Straßen, Plätze ... aber auch keins im Klassenraum, beim Frisör oder im Supermarkt. Ein Lächeln aber verheißt uns Gefahrlosigkeit und menschliche Zuneigung. Wo das fehlt, so sagen uns uralte Erfahrungen, müssen wir auf der Hut sein, sind wir nicht willkommen, sind wir von Feinden umstellt. Vielleicht ist das ein Grund für die zunehmend von mir wahrgenommene Aggressivität?

Wie wäre es also, wir malten uns alle auf unsere Masken, solang die noch nötig sind, ein Lächeln? Vielleicht würde das schon ein wenig helfen? Der Teslafahrer von oben auf dem Aldi-Parkplatz übrigens stieg ganz ruhig aus, ging zum Hintermann oder der Hinterfrau und sagte ganz freundlich: »Ich wünsche Ihnen Gesundheit und einen schönen Tag.«

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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