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Der Minister und der untreue Verwalter

von Michael Schrom 05.06.2015
Preisfrage: Was macht ein deutscher Minister, wenn in seiner Behörde Urkunden gefälscht und Gelder veruntreut werden? Er entlässt den Schuldigen, bestreitet die eigene Verantwortung und versucht, seinen Rücktritt zu vermeiden. So weit, so vorhersehbar. Was aber macht ein Minister, wenn er als gläubiger Christ eine Bibelstelle auslegen soll, in der ein untreuer Verwalter Urkunden fälscht, Gelder veruntreut und dieses Verhalten auch noch als vorbildlich dargestellt wird?
»... damit wir klug werden«: Die Losung des Evangelischen Kirchentags immer im Kopf, schreibt die Redaktion für Sie ein Tagebuch aus Stuttgart. Schauen Sie auf www.publik-forum.de bis zum 7. Juni täglich vorbei! (Foto: pa/dpa/Daniel Naupold)
»... damit wir klug werden«: Die Losung des Evangelischen Kirchentags immer im Kopf, schreibt die Redaktion für Sie ein Tagebuch aus Stuttgart. Schauen Sie auf www.publik-forum.de bis zum 7. Juni täglich vorbei! (Foto: pa/dpa/Daniel Naupold)

Innenminister Thomas de Maizière begibt sich an diesem Morgen nicht nur auf exegetisches Glatteis (was anspruchsvoll genug wäre). Die verwirrenden Untiefen des auszulegenden Textes gehen mitten durch seine Person, seine Rolle. Als Garant für Law and Order kann er schlecht einen offensichtlichen Betrüger Loben. Als Christ kann er schwerlich eine zentrale Gleichnisrede Jesu für Unfug erklären.

Was also tun angesichts von Lukas 16, 1-13? Erst mal singen. Ein Chor aus Sachsen stimmt an: »Wer nur den lieben Gott lässt walten.« Der Chor verzaubert mit Bachs Melodie die sterile Benz-Arena und endet mit der sechsten Strophe: »Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöh'n, bald stürzen kann.« Tja, denkt man gespannt, was wird dabei wohl rauskommen? Ein Willkürwundergott trifft auf einen juristisch versierten Innenminister, der – so wird er vorgestellt – einer »Dynastie entstammt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, dem Staat zu dienen«.

Ich liebe den Kirchentag dafür, dass er immer wieder solche Konstellationen hervorbringt, bewusst oder unbewusst. Kein Regisseur könnte das besser.

De Maizière geht analytisch vor. Wie es sich für einen Juristen gehört, bemüht er sich um einen fairen Prozess. Dazu hält er fest, erstens: Es ist nicht erwiesen, ob der Verwalter tatsächlich untreu gehandelt hat. Zweitens: Es gibt keine ordentliche Verteidigung, keine Vernehmung, weder Schuldbekenntnis noch Beweise. Allein die Beschuldigung reicht für die Entlassung. So machen das eben die Mächtigen und Reichen. Nicht nur damals.

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Andererseits ist ihm der Verwalter auch nicht sonderlich sympathisch. Er hat keinerlei Unrechtsbewusstsein, denkt ausschließlich an sich, will nicht arbeiten und ist sich zum Betteln zu fein. Nach seiner Entlassung schädigt er tatsächlich seinen Dienstherrn. Spätestens jetzt kann von Unschuld nicht mehr die Rede sein. Und just in diesem Moment erfolgt – als Gipfel der Verwirrung – das Lob.

Der Chor darf noch mal singen, dann setzt de Maizière zu seinem Plädoyer an. Er verwirft alle Auslegungen, die in diesem Text eine Rechtfertigung für Untreue, Vertragsbruch oder betrügerisches Schuldnerverhalten sehen. Und er kann dem Kirchentag eine schlampige, tendenziöse Übersetzung der Lutherbibel nachweisen. Denn während es dort heißt: »Der Herr lobte den ungerechten Verwalter«, übersetzen die Kirchentagstheologen frank und frei: »Jesus, der Herr, lobte den ungerechten Verwalter«. Man mag das für eine Haarspalterei halten, es ist aber eine Sinnverschiebung, weil tatsächlich nicht klar ist, wer mit »der Herr« an dieser Stelle gemeint ist.

Wenn in einem Gerichtsverfahren solche Zweifel auftauchen, wird der Prozess für gewöhnlich unterbrochen. In der Benz-Arena übernimmt diese Rolle der Chor.

De Maizières Fazit ist scharfsinnig und verrät viel über ihn selbst: Das Lob – von wem auch immer – beziehe sich nicht auf den Charakter des Verwalters, sondern auf sein entscheidendes Handeln im Angesicht der absoluten Krise. Hier trifft protestantische Ethik auf militärische Disziplin: Nicht jammern, keinen Sündenbock Suchen, sondern handeln. Möglichst klug, mit Energie und Leidenschaft, aber mit dem Bewusstsein, dass im Leben eben nicht alles glatt aufgeht, nicht glatt aufgehen kann. Selbst dann nicht, wenn man nur den lieben Gott walten lässt...

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