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dead lives matter

vom 18.02.2021
von Josef Ising, Freiburg

dead lives matter – Tote zählen, sie nur zu zählen genügt nicht

Als Schüler, vor über 50 Jahren, bin ich Zeilen von Wolfgang Borchert begegnet, die er in seinen Lesebuchgeschichten verfasst hat. Sie haben mich, wie man sieht, bis heute nicht losgelassen. Würde er vielleicht heute ein ähnliches Gespräch formulieren? Ich habe es angedacht:

Zwei Menschen sprachen miteinander.
Na wie stets?
Ziemlich ungewiss.
Wie viele?
Fast zwölfhundert.
Und wie weiter?
Vielleicht bald unter tausend.
Na also, geht doch.
Die beiden gingen auseinander.
Sie sprachen von Corona-Toten.
Es waren Journalisten.
Es war Pandemie-Zeit.

Mit Betroffenheit verfolge ich seit einiger Zeit manche Berichterstattungen der Medien. Sie haben mich an den Text von Wolfgang Borchert erinnert. Die Art der Berichte über Corona-Tote erinnert aufgrund der nicht erkennbaren Empathie mitunter eher an Angaben zu Pegelständen oder Materialbeschaffung als an eine Mitteilung über den Verlust von Menschenleben.

Ich erlebe mit Bedauern und auch Erschrecken diesen medialen Umgang mit den durch die Epidemie Verstorbenen. Circa tausend Corona-Tote erregen anscheinend weniger Aufsehen als der Absturz von drei vollbesetzten Passagierflugzeugen, was eine ähnliche Anzahl von Opfern bedeuten würde. Aber das wäre natürlich spektakulärer. Gibt es bei Corona-Toten etwa schon einen Gewöhnungseffekt?

Mit steigenden Zahlen scheint manchmal das Gefühl für das persönliche Schicksal der Verstorbenen und der davon Betroffenen aus dem Blick geraten zu sein. Hinter eintausend Toten stehen ja in jedem Fall eine Vielzahl betroffener weiterer Menschen, Familien, Ehepartner, Väter, Mütter, Kinder, Eltern und Großeltern, Freunde.

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Zwar werden heute Sterben und Tod in Filmen, Krimis oder Spielen massenhaft mit Unterhaltungswert konsumiert. Aber der Tod als persönliche Erfahrung ist für viele Menschen unserer Gesellschaft aus dem Blick geraten. Sterben und Tod sind häufig an Institutionen wie Hospitäler, Hospize und Heime delegiert und finden dort statt in Vereinzelung und Isolation, nicht nur zu Pandemie-Zeiten.

Möglicherweise liegt aber in der momentanen Krisenzeit die Chance, neu sensibel zu werden für die jedem Leben anhaftende Vergänglichkeit. Jedes Leben trägt sozusagen ja ein Verfallsdatum, auch das eigene Leben, nicht nur das der anderen. Diese oft gerne verdrängte Tatsache ist, ebenso wie die Friedhöfe, längst aus dem Lebensmittelpunkt ins Randgebiet der Beachtung abgeschoben. Sie verschafft sich aber in dieser Pandemie unausweichlich und weltweit Aufmerksamkeit.

Damit könnte vielleicht die Einstellung eine erneute Chance erhalten, die man in früheren Zeiten als Ars moriendi, Kunst des Sterbens, bezeichnete. Der Tod beendet nicht nur ein Leben, er gehört zum Leben dazu.

Nachrichten und Medien präsentieren seit Monaten diese täglichen Todesstatistiken. Diese Meldungen beinhalten immer auch den Hinweis auf die eigene Vergänglichkeit. Diese Grundtönung der Endlichkeit des persönlichen Lebens muss aber keineswegs ängstigen, lähmen oder die Freude am Leben rauben. Sie kann im Gegenteil das Gelebte und Erlebte zu einem vertieften Klingen bringen und zu einer freudigen Gelassenheit und zur Wertschätzung jedes Augenblicks und jeder Begegnung führen. Auf diese Weise kann alles, was sich ereignet und erfahren wird, als genussvolle und sättigende, wenn auch vergängliche Lebensnahrung verkostet werden. Im lateinischen Wort für Weisheit, Sapientia, steckt das Wort sapere, was schmecken bedeutet. Es kann in diesem Sinn also durchaus als eine Praxis der Lebensweisheit betrachtet werden, dem Leben im Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit sozusagen auf den Geschmack zu kommen und zu begegnen.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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