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Das Schlaflied der Trollmutter

vom 23.06.2020
Dr. Margret Peek-Horn, Linnich-Boslar
(Foto: Privat)
(Foto: Privat)

Das »Schlaflied der Trollmutter« ist ein altes schwedisches Volkslied. Hierzu eine kleine Geschichte, die gerade in diesen Zeiten auch wichtig sein könnte:

Uli, eine schwedisch sprechende finnische Pfadfinderin, und ich saßen am ersten Abend eines Zeltlagers in einem Eukozelt. Die meisten der Kinder, Pfadfinderinnen ca. zehn bis elf Jahre alt, hatten noch nie eine Nacht ohne die Eltern draußen im Zelt erlebt. Der Regen prasselte auf die Zeltwand. Im Hintergrund grummelte ein Gewitter und in den Mädchen das Heimweh. Auf einmal fing Uli an zu singen, ganz leise und ganz tief: När trollmor har lagt de elva sma trolen och bundit fast dem i svansen... Die Kinder krochen ganz eng zusammen und wurden ruhiger und ruhiger. Die quirlige Angst und das Geplapper hörten auf, es wurde still im Zelt.

Am nächsten Morgen erzählte Uli die Geschichte der elf Trolle, kleine Gestalten, die jedes nordische Kind kennt und ziemlich oft überall findet. Sie leben im Wald, in den Felsnischen, haben lange Schwänze und wuseln herum, quirlig und kaum einzufangen. Die Trollmutter fängt sie am Abend ein, bindet sie mit den Schwänzen zusammen und singt ihnen das Schlaflied mit den »vackruste ord hon kännar«, mit den schönsten Worte, die sie kennt. Dazu malte Uli in meinem handgeschriebenes Liederbuch dieses Bild ...

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In Coronazeiten hört man viel von geplagten Eltern oder alleinerziehenden Müttern, die Tag und Nacht mit ihren Kindern zusammen sein »müssen«, alles mit ihnen teilen »müssen«: die Beschulung, das Ausgehverbot, die Ungewissheit, die Angst, die Überforderung. Die Alltagspresse, die jeden Tag berichten muss, obwohl alle so sehr verstummen, sie erzählt fast ausschließlich von den Nöten der geplagten Eltern. Vielleicht gibt es aber auch die verschwiegenen kleinen Geschichten von der singenden Trollmutter vor dem Schlafengehen der kaum zu beruhigenden Trollkinder, Geschichten gegen die Angst, vertrauensvolle Schritte der Verantwortung und des Mutmachens, wo man selbst auch nach Mut und Zukunft sucht. Ich hab einige davon gesehen, die plötzlich als Familie mit kleinen Kindern und ihren Erstfahrrädern auf den Feldwegen auftauchen, das Fahren und die Balance üben. Sie fahren nicht weit, vielleicht bis zur nächsten Bank. Aber auf dem Gepäckträger haben sie Verpflegung für weite Wege und die Zuversicht, daß alle selbst fahren können und alle miteinander. Solche Lieder haben vielleicht mehr Potential für eine Zukunft mit mehr Menschlichkeit, mit mehr Hoffnung gegen alle Hoffnung auf business as usual.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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