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Das Doppelgebot der Liebe…

vom 12.11.2020
Von Uwe Held

In einem Buch finde ich eine kleine Geschichte. Die erste Predigt des Pfarrers in der neuen Gemeinde wird mit großer Spannung erwartet. Er predigt über Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe. Er erntet viel Lob von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Am darauffolgenden Sonntag hält er die gleiche Predigt. Die Gemeinde ist verwundert. Hat er aus Versehen zu Hause nach dem falschen Manuskript gegriffen? Als er am dritten Sonntag erneut das Gleiche predigt, werden die Gemeindemitglieder ungehalten und stellen ihn zur Rede. Der Pfarrer antwortet: »Wenn ihr die Liebe zu Gott und zum Nächsten praktizieren und damit ernst machen würdet, bräuchte ich diese Predigt nicht mehr zu halten. Solange ihr euch nicht ändert, werde ich euch auch weiterhin diese Worte Jesu ins Gewissen predigen.«

Diese Episode regt in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken an. Sie ließe sich als »typisch katholische« Geschichte dadurch verstehen, dass sich darin ein klares Gefälle zwischen dem mittelbar (!) Verkündenden, dem Pfarrer, und den Adressaten seiner Predigt auftut. Seine Aufgabe scheint im Belehren, positiv ausgedrückt in der Formung des Gewissens seiner Zuhörenden zu liegen, von denen er sich wünscht, dass sie doch endlich zu »Tätern« würden…Zu Tätern des Wortes Jesu, des Evangeliums! Aber spricht durch ihn nicht auch Jesus zu IHM SELBST? Redet er – wenn man diese Formulierung schon verwenden mag – nicht auch ihm ins Gewissen? Ist es auch nicht vielleicht ER, der sich mit den Worten zufrieden gibt, statt sie ins Handeln zu übersetzen? Predigen, so wie ich es verstehe, ist ein TUNwort. Eine Literaturnobelpreisträgerin hat es auf den schönen Gedanken gebracht, als sie in ihren Gedichten eine Anhäufung von Tunwörtern sah… Ein Gedicht, was ich nur »schön« finde und bei mir nur innere, aber keine äußere Resonanz auslöst, verkümmert. Ist es in der Predigt, bei der Auslegung des Wortes Gottes, nicht vergleichbar? Eine gute Predigt motiviert dazu, einen Gedanken, eine Idee umzusetzen, etwas auszuprobieren. Der Pfarrer oder die Predigerin ist also nicht die eigentliche Autorin, sondern die Adressatin des Wortes Gottes. Das ist ein zutiefst entlastender und demütiger Aspekt, der mich davon abhalten kann, mich (un-)bewusst über andere zu stellen. Kirchen, die sich aus einer derartigen Haltung heraus definieren, haben auf Dauer keine Zukunft mehr. Ein weiterer Aspekt in der Geschichte ist, dass sie unterschlägt, dass es um eine Trias von Gottes-, Selbst- und Nächstenliebe geht. Wir kennen aus unserem Alltag alle drei Ausschläge. Denjenigen, der nur sich und sein Wohlergehen kennt, der Egoist, die selbstlose Helferin und den bigott Frommen, der sich davor scheut, Glauben, Vernunft und Gewissen miteinander in Einklang zu bringen und »den lieben Gott einen guten Mann sein lässt«. Es gibt nicht wenige Menschen, die unter der fehlenden oder zu ausgeprägten Selbstliebe (Narzissmus oder Egoismus) leiden und dafür einen hohen Preis bezahlen. Wenn ich es schaffe, mich mit meinen Schwächen und Gaben anzunehmen inklusive der Brüche meines Lebens, dann sehe ich mich selber versöhnt im Anderen wie in einem Spiegel und bin nachsichtiger und barmherziger. In diesem Ausgleich zwischen Selbst- und Nächstenliebe verwirklicht sich die Gottesliebe. Zum Nächsten gehören nicht nur meine Familie, meine Freunde, meine Arbeitskollegen. Auch meine Umwelt, die Gesellschaft … gehören dazu. Unsere Zeit sehnt sich nicht nach Sprücheklopfern mit oder ohne Kirchenmitgliedschaft. Davon gibt es weiß Gott genug. Sie sehnt sich nach Menschen, die zu Übersetzern des Evangeliums Jesu in unserer Welt werden. Fangen wir damit an. Reden wir anderen weniger ins Gewissen. Schauen wir in unsere eigenen Abgründe. Gott ist es, der sie mit seiner Fülle ausgleicht und uns die Angst davor nimmt, neue Wege zu wagen.

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