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vom 07.09.2020
von Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler
Die »sundayschool« unter einem Mangobaum und rechts davon die Kirche. (Foto: Sigrid Tschöpe-Scheffler)
Die »sundayschool« unter einem Mangobaum und rechts davon die Kirche. (Foto: Sigrid Tschöpe-Scheffler)

Eigentlich sollte ich am 23. März 2020 aus Mombasa/Kenia nach Frankfurt ausreisen. Ich hatte vorher drei Wochen lang mit meinem Projektpartner Pastor Jonathan, dessen Familie und einigen Gemeindemitgliedern den Aufbau seiner neuen Gemeinde begleitet und an dem fröhlichen Eröffnungsgottesdienst in der notdürftig fertiggestellten geschmückten Kirche am 15.3. teilgenommen. Einen Tag bevor in Kenia der Lockdown begann, war das noch möglich. Die Kirche, die mit Hilfe der Spenden aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis erbaut wurde, ist ein Holzbau mit offenen Wänden, die mit Plastiksäcken verkleidet waren, und einem Dach aus Eisenplatten.

Drei Inhalte sollte das Gemeindeleben haben:

a) Wortverkündigung und Gospelgottesdienste
b) Fürsorge für Kinder, Frauen und Familien
c) Heilungsrituale und Seelsorge.

So konnte ich in der noch unfertigen Kirche an Heilungsgottesdiensten teilnehmen, miterleben, wie den Kindern im Kindergottesdienst jeden Sonntag ein kleines Essen und Tee angeboten wurde und wie die Gospelgottesdienste die Herzen der Teilnehmenden erreichte und auch mich mitriss.

Nachdem ich erfahren hatte, dass ich keine Rückflugmöglichkeit hatte, und auch noch nicht klar war, ob und wann die Rückholaktion des Auswärtigen Amtes stattfinden würde, blieb mir keine andere Wahl, als mir in einem der wenigen noch geöffneten Apartmenthäuser ein kleines Zimmer zu mieten und zu warten.

In dem Dorf meiner Freunde durfte ich als Ausländerin während der Coronazeit nicht mehr bleiben.

Aber die Familie des Pfarrers besuchte mich täglich in meinem Zimmerchen mit Blick auf den Indischen Ozean. Die Hotels rundherum waren alle geschlossen, der Strand menschenleer, und es war verboten, sich dort aufzuhalten. Wir fanden einen kleinen geschützten Platz, wo wir uns treffen und gemeinsam das für mich mitgebrachte Essen zu uns nehmen konnten. Maisbrei (Ugali) und Gemüse und für mich eine Kokosnuss und viele Wasserflaschen extra. Jeden Tag kam entweder die ganze Familie zu Fuß oder drei auf einem Motorrad die 15 km gelaufen oder angefahren, um mich zu besuchen und zu betreuen.

Bei diesen Treffen wurde erzählt, dass fast alle Menschen in dem Dorf ihre Jobs von heute auf morgen verloren hatten, die meisten von ihnen arbeiteten in den Hotels und Restaurants am Meer, die inzwischen alle geschlossen waren. Es gab keinen Lohn, kein Essen, und die Freunde waren ratlos: »Die Menschen werden an Hunger sterben und nicht an Corona«, sagten sie mir. Wie kann der Pfarrer, der selbst als Kellner nebenher gearbeitet hatte, seinen Gemeindemitgliedern helfen zu überleben? Wie kann er für seine eigene Familie sorgen, denn auch er wurde fristlos ohne Lohnfortzahlung entlassen.

Wir überlegten gemeinsam, die Stimmung war anfangs sehr traurig und bedrückend.

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Für uns gab es nun durch den Lockdown unerwartet viel Zeit, um nachzudenken, Ideen auszuhecken, Zeit zu Gebeten am Strand des Indischen Ozeans, und es entwickelte sich zusehends Hoffnung, denn wir hatten DIE entscheidende Idee:

Wie wäre es, wenn die Gemeindemitglieder einen Teil des Kirchengrundstücks urbar machten und Mais anbauten? Oder mit einer Hühnerzucht begännen oder gar ein Gemeinderestaurant bauten und bewirtschafteten? Wir hatten gemeinsam konstruktive Ideen in den acht zusätzlichen, im Nachhinein »geschenkten« Tagen, während ich auf einen Rückflug wartete.

Sie bräuchten ein Anfangskapital, sie selbst würden als arme Familie von keiner Bank in Kenia einen Kredit bekommen, aber ich könnte mich in Deutschland darum kümmern.

Mit diesem Auftrag flog ich aus dem kenianischen Lockdown zurück nach Deutschland und musste mich erst an die neuen Corona-Regeln hier gewöhnen.

Zwei Wochen später hatte die Pfarrersfamilie den Kredit aus Deutschland, sie bauten innerhalb von drei Wochen ein Gemeinderestaurant, in dem anfangs vor allen Dingen Chapati gebacken wurden und Ugali gekocht – es gab im Umfeld viele Arbeiter in einem Steinbruch, die Arbeit und Geld hatten und froh waren, ihr Frühstück dort kaufen und essen zu können. Es wurde von vielen Gemeindemitgliedern Land urbar gemacht und Mais angebaut, der anfangs gut wuchs, da es Regenzeit war, aber leider zur Hälfte von frei herumlaufenden Ziegen gefressen wurde. Aber immerhin, eine kleine Ernte gab es auch, die im Gemeindehaus von allen gefeiert und verteilt wurde. Die Hühnerzucht macht ebenfalls kleine Fortschritte.

Dank einer Idee, die in der ersten Lockdownzeit am Strand des Indischen Ozeans entstanden ist und mit Ausdauer, Arbeit und Gottvertrauen von den kenianischen Gemeindemitgliedern umgesetzt wurde, konnten viele Menschen die schwierige Coronazeit in dem kleinen Dorf überleben. Im Restaurant stehen inzwischen auch andere Mahlzeiten auf der Speisekarte. Ein Gemeinschaftsprojekt ist entstanden und hat sich gut entwickeln können, in einer Zeit, in der es anderswo in Kenia Menschen gab, die vor Hunger gestorben sind.

Nach wie vor sammle ich im Freundeskreis für diese Gemeinde, denn noch sind die Kinder darauf angewiesen, dass es regelmäßig täglich eine Mahlzeit in der Kirche gibt, denn die Schulen, in denen es regelmäßige Schulmahlzeiten gab, sind bis Anfang Januar 2021 geschlossen. »With God all things are possible«, steht auf einem Schild vor der Holzkirche.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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