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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2020
Wem gehört Jesus?
Christen und Juden streiten um den Mann aus Nazareth
Der Inhalt:

»Christentum ist Judentum für Nicht-Juden«

vom 14.08.2020
Wer war Jesus und was wollte er? Und welche Bedeutung hat das Alte Testament für Christen? Ein Streitgespräch zwischen den Theologen Notger Slenczka und Christian Rutishauser
Der Jesuit und Judaist Christian Rutishauer (l.) berät den Vatikan im katholisch-jüdischen Dialog, der evangelische Theologe Notger Slenczka (r.) löste mit seinen Veröffentlichungen zum Alten Testament eine große Debatte aus. Das Foto entstand vor der Pandemie. (Foto: Pramme)
Der Jesuit und Judaist Christian Rutishauer (l.) berät den Vatikan im katholisch-jüdischen Dialog, der evangelische Theologe Notger Slenczka (r.) löste mit seinen Veröffentlichungen zum Alten Testament eine große Debatte aus. Das Foto entstand vor der Pandemie. (Foto: Pramme)

Publik-Forum: Herr Slenczka, Herr Rutishauser, unstrittig ist, dass Jesus Jude war und keine neue Religion gründen wollte. Müssten die Christen daher nicht die Hoheitstitel für Jesus Christus korrigieren?

Notger Slenczka: Die christologische Frage kann in der Tat nicht gelöst werden, indem man nach dem Selbstbewusstsein Jesu fragt. Aber zu einer historischen Person gehört auch die Wirkung auf andere. Und die Wirkung Jesu auf andere besteht darin, dass Menschen in ihm eine Gotteserfahrung machen. Diese Gotteserfahrung haben sie dann im jüdischen Kontext zu beschreiben versucht. Die Dogmen zur Dreifaltigkeit und zur Person Jesu aus dem 4. und 5. Jahrhundert sind weitere Auslegungen dieser Erfahrung.

Christian Rutishauser: Entscheidend ist die Deutung von Tod und Auferstehung durch Paulus. Das Christentum baut auf der Oster-Erfahrung der Auferstehung und der Pfingst-Erfahrung einer Geistsendung auf, wie immer man sich dies vorstellen mag. Diese Ereignisse haben so stark in die Geschichte hineingewirkt, dass sie zur Grundlage einer neuen Tradition werden konnten. Daher kann man das Christentum nicht allein am historischen Jesus festmachen. Der Bruch entsteht nicht durch ihn.

Slenczka: Auch die Apostel wollten nicht den Bruch mit dem Judentum. Paulus ist ja nicht konvertiert, sondern hat sein Christ-Sein als Jude-Sein verstanden. Der Streit mit seinen Gegnern ging ja nicht darum, ob man lieber Jude oder Christ ist. Die Streitfrage lautete: Was heißt es eigentlich, Jude zu sein? Paulus behauptet, dass man genau dann Jude ist, wenn man an Jesus Christus glaubt. Und genau das ist eine Zumutung

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Martin Krauß
17.08.202019:13
Solange die christliche Theologie nicht darüber beschämt und erschrocken ist, dass Antijudaismus und Antisemitismus keine bedauerliche Entgleisung einer christlichen Kultur, sondern ihr Wesensmerkmal ist, werden die Bemühungen um eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen nichts bringen. Die paulinische Christologie hat ja mit der Abwertung des leiblichen Judeseins Jesu und dem theologisch fragwürdigen Diktum von Christus als dem Ende des Gesetzes(Rm 10,4) nicht nur den Graben zwischen Juden und Christen vertieft, sondern die jesuanische Torafrömmigkeit ignoriert. Wie kann man vom jemanden, der gekommen ist, die Tora zu erfüllen(Mt 5,17ff),behaupten, dass mit ihm und für seine Anhänger die Tora keine Relevanz mehr habe. Es gilt eben doch, was Martin Buber einmal gesagt hat,"Der Glaube Jesu eint, der Glaube an Jesus trennt". Christentum bedeutet, historisch betrachtet, spätestens seit dem 2.Jahrhundert, Judenfeindschaft.Sie ist noch immer traurige Realität.