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vom 08.09.2020
von Brigitte Barkhausen-Sack

Butzerchen – oder Abstand und Liebe

1884 starb Carl im süßen Alter von drei Jahren an Diphtherie. Meine Urgroßmutter soll den Tod ihres ersten Kindes und einzigen Sohnes nie verschmerzt haben.

Ihre sechs Mädchen hat sie aber immer beschützt, auch vor der grassierenden Krankheit. So sollten sie sich nicht umarmen und schon gar nicht küssen. Ein Butzerchen war das Höchste an Begrüßung, man tippte kurz Stirn an Stirn.

1888 wurde meine Großmutter geboren. Sie kannte es nie anders und gab dies an ihre Kinder weiter.

Meine Mutter erlebte ihre Kleinkinderzeit im 1. Weltkrieg mit einer um ihren Mann im Krieg bangenden Mutter. Ein Butzerchen statt eines Gute-Nacht-Kusses.

Als Mutter hat sie mit vier kleinen Kindern Bomben, Flucht, Hungerjahre, Angst um ihren Mann durchlitten und durchkämpft. Für Nähe und Zärtlichkeit hatte sie keine Kraft.

Ich kannte es nicht anders, als dass man sich bei Begrüßung und Abschied ein Butzerchen gab. Knuddeln, Schmusen, so etwas gab es nicht.

Erst vielleicht fünfundvierzig Jahre später erfuhr ich in einer psychosomatischen Klinik, wie gut eine Umarmung tut, dass man sich drücken darf. Erst danach habe ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Eltern richtig umarmt. Und sie mich.

Erstaunlich, dass das meine Töchter können. Wie wunderbar frei meine Enkel sind.

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Es hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles geändert. Während meines Studiums haben wir die »Herren« natürlich gesiezt. Bei einem Fünfzig-Jahre-Jubiläums-Treffen wurde gleich zu Beginn gemeint: Die meisten kennen sich schon lange sehr gut, ich denke, wir können uns alle duzen. Jetzt waren wir siebzig plus.

Wir haben Nähe und Zärtlichkeit gelernt und erlaubt.

Und doch bleibt eine tiefe Sehnsucht nach der »verbotenen« Nähe. Die Jugend will es uns lehren.

Das Herz geht mir auf, wenn ich sehe, wie unbeschwert heute Kinder sind.

Nun aber? Corona.

Wohin steuert diese Generation? Abstand halten schon in der Kita, Masken tragen im Unterricht, kein Singen, kontrollierte Feste feiern, beobachten, dass Oma den im Heim lebenden dementen Opa nicht streicheln darf, schon gar nicht umarmen, auf einen Impfstoff warten.

Ich hoffe und wünsche, dass sie mit viel Sicherheit und Liebe geimpft sind, um diese Pandemie möglichst unbeschadet zu durchleben.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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