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Briefe an meine Mutter

vom 13.06.2020
von AW

Klärung eines Verhältnisses zwischen Mutter und Tochter während der Corona-Zeit

Es herrscht Corona. Meine äußerst schwerhörige Mutter im Rollstuhl, über 500 Kilometer von mir entfernt, ist seit einem halben Jahr in einem Altenheim.

Nach fast drei Monaten darf man sie nun besuchen: pro Besuch eine Person, höchstens eine halbe Stunde.

Diese Besuche überlasse ich meinem Bruder und meiner Schwester. Dafür fahre ich nicht 1000 Kilometer hin und her.

Alle zwei bis drei Tage schicke ich meiner Mutter Postkarten und Briefe, die sie erfreuen sollen.

Ich glaube, dass es sie freut, weil sie, allein durch die Anzahl und die außergewöhnliche Gestaltung meiner Briefe, Aufmerksamkeit erhält. Ich bin überzeugt, dass sie sie inhaltlich nicht erreichen, nicht interessieren. Ich schreibe ihr dennoch.

Schreibe ich ihr, weil ich ein schlechtes Gewissen habe? Weil ich sie nicht wirklich liebe? Nicht lieben kann? Und doch um ihre Liebe buhle?

In meinen Briefen mache ich mir zum Beispiel Gedanken, wie es ihr in diesen ersten Wochen der Corona-Zeit geht, in der sie voll den Händen der sogenannten »Helden« (Pflegerinnen, Pfleger, Putzfrauen, Küchenpersonal, Ärzte etc.) ausgeliefert ist. Ich mache mir Gedanken über meine Mutter, so wie ich mir Gedanken mache um jeden Menschen in den Pflegeheimen, Krankenhäusern und anderen Anstalten (SOS-Kinderdörfern, Waisenhäusern oder Ähnlichem), ob jung, ob alt. Mehr nicht!

Halt, das stimmt nicht ganz! Denn ich versuche ja, an ihre jetzige Lebenswirklichkeit, an ihre frühere Lebenswelt anzuschließen, indem ich ihr zum Beispiel erzähle, wie Lukas ihren Schweinebraten nachgekocht hat; wie ich, ähnlich wie sie früher, das Wasser aus dem Küchenabfluss und der Badewanne sammle zum Gießen; wie ich ihren Apfelmus esse und dabei an sie denke …

Dabei hat sich mein Gefühl für sie seit dem Tod meines Mannes vor genau vier Jahren verändert. Ich will und muss nicht mehr »auf Teufel komm raus« für sie da sein. Ich möchte für sie da sein nur so weit, wie es für mich gut ist.

Ich litt unter dem Egozentrismus und der Kälte meiner Mutter. Ich schreibe ihr dennoch regelmäßig ins Altenheim, im Bewusstsein folgender Zeilen:

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Alles tat und tue ich,
der zu gefallen,
der ich anhänge.

Alles tat und tue ich,
der nahe zu sein,
die ferner noch als fern mir ist.

Alles tat und tue ich,
die zu erreichen,
die überhaupt nicht ist für mich.

Alles, was ich tat und tue,
ist, mich abhängig zu machen
von der, die ich vermiss.

Alles, was ich tun werde,
ist, ihr weiterhin schreiben,
bis sie gestorben ist.

Alles, was ich tu’ und tun werde,
ist, nicht von ihr zu lassen,
bis sie gestorben ist, für mich.

Alles, was ich dann tun werde,
ist, sie loslassen,
für sich, für mich!
Dann ist’s vollbracht!

»Denkste!«, spricht da die andere Stimme in mir. »Es wird noch viele Stellvertreter/innen für Deine Mutter in Deinem Leben geben! Das ist Dein inneres Muster, Deine Falle, in die Du lebenslang hineintappen wirst! Nur wenn Du das siehst, kannst Du daran etwas ändern!«

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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