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vom 11.05.2020
von Renate Barth, Herrenberg

Narzissus und die Tulipan (machen Freude jedem Mann und jeder Frau)

An einem Samstag ging ich, wie gewohnt, auf den Wochenmarkt. Nachdem ich Obst und Gemüse eingekauft hatte, trat ich den Heimweg an.

Aus dem Augenwinkel sah ich einen Blumenhändler stehen, der mit lauter Stimme seine Blumen feilbot. Vom Aussehen her erinnerte er mich an einen Menschen mit indischer/pakistanischer Herkunft.

Ich stellte mich mit gebührendem Abstand in die Schlange der wartenden Kundschaft. Seine Narzissen hatten es mir angetan. Ein Bund (15 Stück) zu 6,90 Euro. Nicht gerade günstig; ich wollte mir jedoch eine Freude bereiten.

Der Händler bot mir zwei Sträuße für 13 Euro an. So viele Blumen wollte ich gar nicht. Während des Wartens hatte ich Gelegenheit, über den Preis und das Trinkgeld nachzudenken.

Ich gab ihm 20 Euro und sagte: »Stimmt so, es ist ja gerade Corona-Krise und bestimmt auch für Sie eine schwierige Zeit.« Er schaute mich an, und ich sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Er band meine zwei Narzissensträuße zusammen und drehte sich um. Dann war ich es, deren Augen sich mit Tränen füllten: Er gab mir das Trinkgeld zurück mit der Begründung, ich solle es jemandem geben, der es nötiger hat als er. Er schenkte mir noch zehn rote Tulpen dazu. Ich war tief berührt.

Die hinter mir wartende Kundschaft nahm das alles schweigend zur Kenntnis.

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Zu Hause angekommen, musste ich mich erst mal emotional erholen, versorgte meinen Einkauf und die Blumen. Der schiere Überfluss der Blumen weckte in mir den Wunsch, mein Glück mit anderen zu teilen. Ich hatte die Idee, sie im Nachbarhaus zu verschenken. Dort wohnen zwei Mietparteien, die ich vom jährlichen Nachbarschaftsfest her flüchtig kenne.

Ich klingelte an der ersten Wohnung und erzählte mein »Blumenglück«. Die Nachbarin freute sich sehr und bot mir ganz spontan das Du an.

In der zweiten Wohnung wohnt ein Mann. Ihm erzählte ich dasselbe Erlebnis. Er konnte es fast nicht glauben. Auch er war hörbar berührt. Er erzählte mir, dass heute sein erster Tag als Corona-Verdachtsfall in der Haus-Quarantäne begonnen habe. Seine erwachsenen Kinder hätten für ihn eingekauft, und jetzt bekäme er von mir noch Blumen. Die Freude darüber war auf beiden Seiten sehr überwältigend.

In guten Zeiten hätte ich dem Blumenhändler niemals so viel Trinkgeld gegeben. Für mich bewahrheitete sich der bekannte Spruch:

»Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.«

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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