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Bescherung der Engel

vom 10.11.2020
Von Anne Meurer

Tobias ging hinaus, um einen guten Führer zu suchen. Draußen fand er Rafael, ohne zu wissen, dass dieser ein Engel war. Buch Tobit, Kap. 5

Ein Ruheständler mit ergrautem Haarkranz sitzt vor einer geschlossenen Bar, in sein Telefonino vertieft. Wir beide, erschöpft von einem Wandertag in den Sabiner Bergen am Rand der Abruzzen, haben nur Blicke für die rettenden Stühle. Wo sind wir? In Tarano, besagt ein Schild. Vor uns ein altes Stadttor, hinter dem die Häuser, am Felsen klebend, zum Himmel streben. Kein Zweifel, wir sind vom Weg abgekommen und müssen den Anschluss wiederfinden. Gibt’s hier eine Herberge, ein Taxi, einen Bus, fragen wir in die trutzigstumme Höhe hinein. Erst jetzt besinne ich mich auf den ergrauten Herrn. Lachend, die Maske halb unters Kinn geschoben, schüttelt er den Kopf: Nein, weder noch gibt es hier. Und nach kurzer Pause: Wohin wollen Sie denn? Ach ja, wohin? Vescovìo wäre das Ziel gewesen mit Telefonnummer für eine Albergo La Pineta. Kaum ausgesprochen, betätigt er sein Telefonino und beratschlagt sich mit einer Stimme am anderen Ende. Dann zu uns gewandt: La Pineta gibt es nicht mehr. Aber eine Albergo L’Angoletto. Er telefoniert weiter. Und wieder zu uns: Ein Auto holt Sie ab, ist gleich da. Wir trauen unseren Ohren nicht: Ein Schlafplatz, ein Auto und alles sofort? Mitten in unser Staunen hinein fährt ein dunkler Wagen vor, ein Herr in paspelierter Jacke wuchtet die Rucksäcke in den Kofferraum und setzt zum Fahren an. Das schlichte Danke ist mir zu wenig, und so rufe ich unserem Helfer zu: Miracoloso! Perfetto! Mille Grazie! Dieser, mit erhobenen Daumen, ruft zurück: É Italia! É efficiente! Dann packt er seinen Stuhl und wechselt in den Schatten, als fliege er davon.

Wenig später fällt mir sein Name zu: Engel efficiente. Genauso müssen Engel sein. Was sonst treibt einen Fremden dazu, zwei dahergelaufenen Frauen beizustehen, ohne etwas davon zu haben? Paul Klee, denke ich, hat ganze Engelserien gezeichnet, und das bedeutet doch: wo ein Engel ist, da sind noch mehr. Der paspelierte Engel vor mir am Steuer, der uns in Windeseile auf langer, kurvenreicher Strecke zur Bleibe nach Selci fährt, ist einer. Und dort servieren der Wirt und seine Frau uns einzigen Gästen einen Vino Santo mit Tartufo-Herzen, dem köstlichen Gebäck der Gegend. Tröstende Engel wissen, was das menschliche Herz braucht.

Von da an erkenne ich Engel auf Schritt und Tritt. Italien ist voll davon. In Turin war es eine ganze Gruppe von Engeln: die Kioskfrau mit ihrer Kundschaft. Wir stehen in einem abendlich verlassenen Außenviertel, ab und zu fährt ein Bus vorbei, dessen Ziel uns nichts sagt. Hinter einer Hecke versteckt, ein blass erleuchteter Kiosk. Die Versammelten versichern, dass wir von dort nur wegkommen, wenn wir ein Taxi anrufen. Was einer von ihnen sofort tut, umringt von lautstarken Gesten der anderen. Mitten hinein ins Palaver erklärt der Kurzentschlossene: Sie kommt von da oben, etwas weiter her, ganz bestimmt. Nach einer Weile des Wartens winken sie alle der Taxifahrerin mitsamt den Insassen hinterher.

In Calvi dell’Umbria suchen wir Adriana, die Zimmer haben soll. Doch wie viele Adrianas mag es hier geben? Ein Mann mittleren Alters weiß nicht, welche wir meinen, greift zum Telefonino, fragt hier und dort. Schließlich sein Ergebnis: Sie kommt, und bald darauf fährt ein kleines Auto vor, während der Engel der Rundrufe seinen Weg fortsetzt. Als einzige Gäste haben wir die freie Wahl unter den Zimmern, entdecken eine Terrasse und bleiben mit dem Ausblick in ein unendliches Bergland allein. Leise taucht die bange Frage auf, was uns dort in den kommenden Tagen der Wanderung bevorstehen mag.

Eine geraume Wanderstrecke mit unerwarteten Rätseln und Bescherungen liegt hinter uns, als wir die Höhe von Poggio Mirteto erreichen, wo der gebeugte Engel Peppino eine Herberge führt. Er schaut von der obersten Stufe des dunklen Treppenhauses auf zwei rucksackmüde Frauen herab, als wundere er sich, dass in Zeiten von Covid 19 jemand zu ihm kommen will. Das brüchige Haus wie sein Inhaber scheinen bessere Zeiten erlebt zu haben. Und doch! Wie viel Liebe steckt in dem köstlichen Frühstück am nächsten Morgen!

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Der darauf folgende Wandertag, ein Sonntag, schenkt uns den Engel der Krise. Unbekümmert ziehen wir los, überzeugt, dass auf der Strecke zum Klosterdorf Farfa nichts schiefgehen kann. Und doch passiert es wieder! Auf einsamen Wegen, vorbei an blühenden Gärten, frohgemut dahinmarschierend, klärt eine Frau uns schließlich auf, dass unser ins Auge gefasstes Ziel hinter einer fernen Bergkette liegt und wir, egal wie, umkehren müssen. Ich überspringe, wie bei der Umkehr wieder Engel im Spiel sind. Jedenfalls stehen wir mittags, überaus ratlos, da, wo wir losgegangen sind, in Poggio Mirteto, dieses Mal am Busbahnhof, wo sonntags keine Busse fahren. Da kommt ein junger Priester des Weges, im schwarzen Anzug und mit weißem Kragen, weil er soeben eine Messe gefeiert hat. Er strebt dem parkenden Auto zu. Ob er uns mitnehmen kann, fragen wir. Wieder versuchen wir, uns in verschiedenen Sprachen über das Ziel einig zu werden. Er nennt Orte, die uns nichts sagen, wir kennen nur Farfa, aber den Weg nicht. Für ihn heißt das, er fährt uns dahin. Die Fahrt lehrt uns, wie leicht man in diesem Bergland verloren gehen kann. Unser Engel hat genau richtig entschieden, gut, dass wir ihm volles Vertrauen geschenkt haben. Der Priester stammt aus der Republik Kongo, studiert in Italien und möchte andere europäische Länder kennenlernen, bevor er in seine Heimat zurückkehrt. Vor dem Tor zum Klosterdorf Farfa winken wir ihm nach. Das Unsagbare bleibt in der Schwebe. Ich hätte ihm sagen sollen, dass er ein Engel ist und wir uns irgendwo wiedersehen werden.

Tage später, um weitere Engelerfahrungen reicher, liegt der Franziskusweg hinter uns. In Rom gehen wir zum Denkmal des Heiligen von Assisi, das an das Ereignis vor 811 Jahren erinnert, als Franziskus im Lateranpalast bei Innozenz III. den Segen für seinen Orden der Buß- und Wanderprediger erbat. Wir hoffen nach glücklicher Wanderung auf ruhige Tage in der Stadt, die im ungewöhnlichen Jahr des weltweit verbreiteten Virus den Römern und wenigen Italienreisenden zu gehören scheint.

Auf dem Petersplatz retten wir uns, durchgefroren vom sturmgepeitschten Regen, unter die Kolonnaden, wo die Blicke von einer ganz anderen Engelgruppe angezogen werden. Viele sind es, weinende, leidende, ermordete, ertrunkene, gefolterte, abgewiesene; sie sprechen eine stumme Sprache in die Zeit und legen uns und allen, die nach uns kommen, ans Herz, dass Engel nicht nur bescheren, sondern wir ihnen auch Gastfreundschaft schulden. Die »Angels Unawares«, unerkannte Engel, so heißt die Botschaft des Bildhauers Thimothy Schmalz. Eine bronzene Gruppe, niedergedrückte schwarze Gestalten, aus denen ein Engelsflügel herausragt, zeigt die Fremden, für die wir keine Blicke haben, obgleich Engel unter ihnen sind: Menschen anderer Länder und Kulturen auf der Flucht vor Krieg und Hunger, Verachtete fremder Religionen. Diese Engel haben viel zu sagen, weil sie viel Grausames durchmachen mussten. Ihr denkt, ich übertreibe, weil ihr die Flügel nicht seht? Nun, dann schaut selbst hin, und ihr werdet vielleicht staunen über die vielen leibhaftigen Engel, die überall, wohin das Leben uns treibt, zu sehen sind.

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