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vom 22.03.2021
von Jule Völlering

Das Ding zwischen Müssen und Sein,
der Kampf zwischen Wollen und Schein,
das Vielleicht zwischen Ja und Nein.
Wenn Worte Orte wärn‘,
dann würd ich sagen, dort bin ich gern;
zwischen den Tatsachen, die das Leben prägen,
aus Angst, am falschen Ast zu sägen
und am Ende allein zu sein,
zwischen Sein und Schein;
im ewigen Vielleicht gefangen,
weil das, was gerade angefangen,
zu Ende gehen droht;
gerade die Ampel mehr als rot
und jetzt mit Müh und Not
aus dem Stand in Gang gesetzt,
nicht gemerkt, doch wie verletzt
das Leben manchmal ist.
Denn da ist ein großer Riss,
der mich zu zerreißen droht,
doch bei mir im Kopf noch immer rot.
Und wenn ich sage rot, dann mein ich stehen,
wäre es grün, klar, ich würd gehen;
aber ich will nicht.
Denn wenn ich hier so weitersehe,
zwar alles sehe,
aber doch den Atem halt,
dann ist das Hupen gleich verschallt,
kein böser Blick, auch kein Geschrei,
alles fährt an mir vorbei
und ich kann weiter wartend stehn,
ohne dann jedoch zu sehn,
wie jeder, der meine Vorfahrt nimmt,
auch ein Stück der Zeit bestimmt,
die doch mal mein Eigen war,
mir doch jetzt so unfassbar
schnell aus meinen Fingern rinnt,
als wäre sie im Dauersprint,
um mir das Warten auszureden,
um mich zum Fahren zu bewegen.
Doch ich kann einfach so tun als ob,
als wär alles gut,
als hätt ich den Mut,
denn den hab ich nicht;
ganz ehrlich, das Gesicht,
das mir im Spiegel entgegenblickt,
ist Vieles, aber entschlossen sicher nicht.
Ich versuch’s , ich will’s auch sehn,
doch die Ampel bleibt rot
und ich bleibe stehn.
Mein liebster Freund, der Konjunktiv,
denn es ist nicht,
es wär nur zu intensiv,
jetzt hier einfach zu entfliehn,
das Wenn ließe ich einfach ziehn
und würd mich jetzt dazu entschließen,
einfach Sachen anzugehn;
kein hier Warten oder Stehn,
kein Vielleicht oder Dazwischen,
ne Position hätt ich schon längst ergriffen,
um mich mit fest entschlossnem Blick
zu entfernen Stück für Stück,
um zu leben nicht erdrückt
vom Gewicht des Wartens selbst,
denn ich war noch nie der Fels,
der unbeeindruckt Stellung hält,
auch wenn mal die ganze Welt,
auf diesen einen Punkt zufällt.
Doch so stark muss ich gar nicht sein,
denn manchmal bedeutet Stärke, schwach zu sein.
Manchmal ist ein Nein
das richtige Mittel gegen jeden Stein,
der sich in mein Leben legt,
es ist, als ob ich dann fast schweb
und ohne Stillstand alles seh.
Auch mich dort vor dem roten Licht,
fast so rot wie mein Gesicht,
das Gedanken weiter formt,
groß und klein in jeder Form:
Was, wenn es mir nicht gefällt?
Was, wenn meine Welt zerfällt?
Was, wenn ich nen Fehler mache?
Was, wenn ich alleine lache?
Und was, wenn ich es dann bereue?
Wenn die Zukunft, auf die ich mich freue,
einzig ne große Lüge war
und niemand da ist, der mir sagt,
was falsch ist oder wahr.
Doch auf einmal trifft es mich,
ich seh Menschen in jedem Gesicht,
das mich zu überholen scheint,
in ihrer Mimik ein klares Nein!
Kein Dazwischen, kein Vielleicht,
Emotionen nicht zu seicht,
die fest entschlossen sich bewegen,
nicht festgefahren auf immer gleichen Wegen.
Nein, ihre Ampel sagt nicht stehn,
sie schreit schon fast, sie sollen gehen;
während ich noch in die Ferne starre,
während ich hier mit den Hufen scharre,
um hier endlich zu entkommen,
doch ich steh hier ganz beklommen.
Mit den Fragen über Fragen,
mit der Wut und all den Klagen
und mit meinem Konjunktiv,
der mich noch nie in Ruhe ließ.
Was, würd ich übertreiben?
Was, würd ich fahren?
Was, würd ich schweigen?
Was, würd ich es überstürzen?
Würd ich des Lebens Würze
den Rücken zukehrn?
Oder mach ich’s mir zu schwer?
Was, wenn ich mich verletz?
Was, wenn ich mich hetz?
Aber was, wenn nicht jetzt?
Eine neue Frage, die sich stellt,
ganz aktiv dahingestellt,
sich zu den anderen gesellt
und mir doch ins Auge fällt.
Denn die Zeit hat jetzt Gestalt,
es ist, als ob es in mir hallt.
Alles geht an mir vorbei,
gerade schien‘s mir einerlei;
aber jetzt seh ich im Verkehr,
mein Leben ziehen immer mehr.
Und ich, ich steh hier festgefahren,
beweg mich nicht, kann nur noch starren
und lass dabei mein Leben los,
die Angst vor dem Was-Wäre groß.
Aber wie lang will ich hier noch stehn,
seh Chance um Chance vorübergehn
und warte auf das grüne Licht,
das mir sagt doch sicherlich,
wann mein Jetzt gekommen ist
oder hab ich es schon längst vermisst?
Könnte mein Rot nur ne Täuschung sein
Kein Ja oder Vielleicht, nur Schein?
Dann würd ich mich zu Tode warten,
aus Angst, den Wagen neu zu starten,
um neue Wege jetzt zu gehn,
um das Leben zu verstehn.
Doch vielleicht sind neue Wege gut,
ich brauch halt nur ein wenig Mut.
Ich nehme alles, was ich hab,
ich wage einen neuen Start;
und nicht mehr ängstlich sondern kühn,
wird mein Rot nun endlich Grün.

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