Das Evangelium nach Milo Rau
Kino. Was würde Jesus heute predigen, und wie sähen seine Jünger aus? In diesem mit Unterstützung der katholischen Kirche gedrehten Kunstprojekt wird das süditalienische Matera zur Bühne für ein Passionsspiel, in dem biblisches Evangelium, Flüchtlingskrise der Gegenwart und Filmgeschichte ineinanderfließen. Die historische Stadt diente schon mehrfach als Bibelfilmkulisse, etwa für Pasolinis »Das 1. Evangelium nach Matthäus«. Szenen aus diesem Film dienen auch als Vorbilder der Inszenierung; Pasolinis einstiger Jesus-Darsteller Enzo Irazoqui verkörpert nun den Täufer Johannes und gibt nebenbei Schauspielunterricht. Als Messias tritt der aus Kamerun gebürtige Flüchtlingsaktivist Yves Sagnet auf. Seine Jünger und Jüngerinnen rekrutiert er unter muslimischen Afrikanern, die unter mafiösen Bedingungen auf Tomatenplantagen schuften. Mittels Parallelmontage aus Film-im-Film-Szenen, Making-Of, Interviews und dokumentarischen Streiflichtern auf das Elend der Migranten entwickelt sich ein politisches Lehrstück mit spirituellem Überbau. Und wenn die »Revolte der Würde«, eine reale Demo der Feldarbeiter für Papiere und bessere Unterkünfte, mit Jesu Einzug in Jerusalem kurzgeschlossen wird, sprühen schon mal die Funken. So beschwert sich ein Gewerkschafter, dass die Demonstration durch den Dreh beeinträchtigt würde. Sollbruchstellen zwischen Fiktion und Realität zeigen sich auch in den Castings, in denen etwa ein Bewerber für die Rolle eines römischen Legionärs mit verstörender Leidenschaft einen rassistischen Folterknecht mimt.
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