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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

Kesselgulasch und Kirchenasyl

von Josefine Janert vom 18.12.2015
Wo kaum noch Christen leben, strahlt eine kleine Gemeinde in die Stadt. Ein Besuch in der Nikolaikirche in Wismar

Vierzig Kinderhände schlagen im gleichen Rhythmus auf Trommeln. Der erste Groove des Tages gelingt. Die dritte Klasse der Grundschule von Dreveskirchen, einem Dorf in Mecklenburg, ist mit sich zufrieden. Die Neun- bis Zehnjährigen haben sich an diesem Freitagvormittag vor Weihnachten zu ihrer wöchent lichen Musikstunde in der Turnhalle versammelt. Dort sind vier Bänke zum Quadrat zusammengerückt. In der Mitte steht die Musikpädagogin Silke Thomas-Drabon. »Wer möchte denn jetzt ein Schüttel ei, wer will einen Schellenring?«, fragt die hochgewachsene Frau. Zehn Hände recken sich in die Höhe, die Gesichter strahlen, als die 48-Jährige die Instrumente verteilt. Sie hat auch Güiros mitgebracht, dreißig Zentimeter lange Rhythmusinstrumente. Thomas-Drabon gibt ein Zeichen, und die Klasse beginnt einen weiteren Groove.

45 Minuten dauert der Spaß. Anschließend helfen die glücklichen und sichtlich erschöpften Schüler der Musikpädagogin dabei, Instrumente in ihrem Auto zu verstauen. Die Schulleiterin Kerstin Rehwald-Bauer sagt: »Es ist toll zu sehen, wie sich die Kinder entwickelt haben. Einige haben Probleme mit der Motorik.« Nach drei Monaten mit Silke Thomas-Drabon stellt sie eine deutliche Besserung fest. Die Kinder hätten auch mehr Gefühl für Rhythmus, der Zusammenhalt der Klasse sei stärker. Silke Thomas-Drabon kennt den Effekt. »Beim Trommeln kommt es nicht darauf an, der Lauteste oder die Schnellste zu sein«, erklärt sie. »Das ist kein Wettbewerb. Es geht darum, auf die anderen zu hören und das gleiche Tempo zu erwischen.«

Silke Thomas-Drabon wohnt in der Ostseestadt Wismar, vor deren Toren Dreveskirchen liegt. Sie ist mit dem Pfarrer der evangelischen Nikolaigemeinde von Wismar verheiratet. Mit Gleichgesinnten aus der Gemeinde und aus der Region Wismar gründete sie vor einem Jahr die Evangelische Musikschule. »Seit dem Jahr 2000 zeigt sich deutschlandweit der Trend, dass vor allem Kinder des Bildungsbürgertums Musikschulen besuchen«, sagt die Freiberuflerin. »Das war früher zumindest in Ostdeutschland anders.« Ihre Musikschule will gegensteuern: Auch Kinder aus armen Familien und von Eltern, die auf dem Land leben und keine Zeit haben, ihre Söhne und Töchter zum Musikunterricht in die Stadt zu fahren, sollen ein Instrument spielen lernen. Montags unterrichtet sie in einer Schule in einem Viertel von Wismar, das als sozialer Brennpunkt gilt. Die Musikschule lebt,

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