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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Eine Webcam fürs Christkind

vom 18.12.2015

Weihnachten ist eine schöne Sache, an der die ganze Familie Freude hat. Wer religiös ist, feiert, dass Jesus zur Welt kam und als kleines, verletzliches Baby in eine Krippe gebettet wurde. Wer es mit der Religion nicht so hat, feiert in diesen Breitengeraden meistens das Gleiche, vielleicht nicht mit Krippe, aber ganz sicher mit Adventskalender und Baum und Fenstersternen. Aufregend und toll ist, dass sich die Menschen zu diesem besonderen Termin beschenken und die Gaben in hübsches, knisterndes Papier wickeln. Aber offenbar nicht aufregend und toll genug: Denn in den meisten Familien kommt jetzt ein imaginärer Freund ins Spiel.

Meine Eltern haben nie behauptet, das Christkind bringe die Weihnachtsgeschenke. Oder der Weihnachtsmann. Wir hatten trotzdem eine schöne Kindheit, wirklich. Auf Heiligabend fieberten wir hin, sobald wir in unserem roten Opel Kadett aus dem Sommerurlaub zurückkamen. Mein Mann und ich haben zwar keinen Opel Kadett, aber mittlerweile selbst zwei Kinder. Und leider den richtigen Moment verpasst, eine gut durchdachte Grundsatzentscheidung zu der Frage »Wie kommen die Weihnachtsgeschenke unter den Baum?« zu treffen. Jetzt ist es passiert. Tja.

Meine Vierjährige glaubt an das Christkind. Okay, besser als an den Weihnachtsmann. (Den hat sich, wie mittlerweile jeder, der älter als zwölf ist, weiß, die Firma Coca-Cola ausgedacht.) Vorigen Dezember kam also unser Kind aus dem Kindergarten mit einem »Brief an das Christkind«, beklebt mit rosa Glitzersternen. Darin stand – der Erzieherin anscheinend auf Nachfrage diktiert –, dass es sich ein Fahrrad wünsche. Uns war das nicht neu, das Rädchen im Tigerenten-Look stand schon im Keller. Wir spielten das Spiel aber bereitwillig mit und legten den Zettel vor die Haustür. Das Kind bebte vor Aufregung und Vorfreude. Ein schöner Moment.

Blöd nur: Wenn man einmal mit dem Lügen anfängt – oder sagen wir es etwas netter: mit dem Magie-in-die-Kindheit-Bringen –, dann muss man das die nächsten acht bis zehn Jahre (je nach Kinderzahl) durchziehen. Und Jahr für Jahr Dinge sagen wie: »So was, schon wieder verpasst! Das ist ja ein Ding, dass das Christkind schon wieder genau dann kam, als wir in der Kirche waren …«

Ein richtig schlechtes Gewissen bekam ich, als das Kind eine geradezu wissenschaftliche Begeisterung fürs Christkind entwickelte. »Kann das durch

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