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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Muslime helfen Christen

von Jürgen Stryjak vom 19.12.2014
Mit Vorsicht Zeichen setzen, gute Nachbarschaft pflegen und dem Religionsterror nicht nachgeben: In zähem Widerstand behauptet sich die irakische Zivilgesellschaft gegen die Barbarei des »Islamischen Staates«

Abu Marwan lebte bis vor Kurzem in Mossul im Nordirak. Vor den Mördern des »Islamischen Staates« (IS) floh er in den Libanon. In das kleine, beeindruckend humane arabische Land am Mittelmeer mit nur vier Millionen Bürgern flüchteten schon über anderthalb Millionen Menschen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das so, als nähme Deutschland dreißig Millionen Flüchtlinge auf.

Wer es bis in den Libanon schafft, flieht zumeist vor dem Bürgerkrieg in Syrien und vor der Gewalt im Irak. So ging es auch Abu Marwan, einem irakischen Christen. In Beirut erzählt er seine Geschichte: »Mit meinem Lieferwagen habe ich in Mossul Waren zu Geschäften und Firmen transportiert. Eines Abends auf dem Heimweg versperrten mir vier Schwerbewaffnete den Weg. Sie wussten, dass ich Christ bin. ›Heute ist dein letzter Arbeitstag‹, drohten sie mir, ›wenn wir dich morgen wieder hier erwischen, erschießen wir dich.‹« Viele der Menschen, die im Libanon Schutz suchen, sind Angehörige religiöser Minderheiten.

Besonders brutal werden Christen, Jesiden und Schiiten von den sunnitischen IS-Terroristen verfolgt. Es gibt jedoch auch sunnitische Araber, die unter Einsatz ihres Lebens den Verfolgten helfen. Da ist zum Beispiel der Geschäftsmann aus Mossul, der 45 jesidische Frauen und Kinder rettete, indem er sie auf einem Sklavenmarkt der IS freikaufte. 30 000 US-Dollar hat er bezahlt, um die Versklavten in die Freiheit bringen zu können. Am Ende saßen die Jesiden mit ihrem Retter im Studio eines kurdischen Fernsehsenders, und der Geschäftsmann antwortete auf die Frage nach seinen Motiven ganz bescheiden: »Ich wollte etwas Gutes tun.«

Oder der Stammesführer Khamis el-Jabouri. Dutzenden Menschen half er mit gefälschten Ausweisen bei der Flucht vor dem IS. Oder der alte Muslim aus Mossul, der die junge Jesidin Amscha zuerst im Haus zwischen seinen Töchtern versteckte – und später dann durch die Checkpoints des IS in die Freiheit schmuggelte.

Hier und da erwacht aus dem Trauma des Krieges im Irak die muslimisch-arabische Zivilgesellschaft, langsam, fast in Zeitlupe. Der Provinzpolitiker Ismail el-Hadidi aus Kirkuk zum Beispiel solidarisierte sich mit den Christen seines Ortes. Als Kirkuk eines Tages von einer Serie von Bomben attentaten erschüttert wurde, erklärt er tags darauf im irakischen Fernsehen: »Die ganze Stadt wurde gestern von Bombenanschlägen auf Kirchen geweckt. Heute zeig

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