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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

»Man muss lieben, bis es wehtut«

von Christoph Nix vom 19.12.2014
Was treibt einen Theater-Mann wie mich – weder Katholik noch Esoteriker – nach Rom? Mein Besuch bei Papst Franziskus

Vor mir auf dem Büchertisch lag »Die Funktion des Orgasmus« von Wilhelm Reich. Zwanzig Jahre nach der legendären Studentenrevolte wollte ich das Buch endlich einmal lesen. Aber die Buchhandlung war voller Menschen. Ich genierte mich, stellte mir vor, die Buchhändlerin würde an der Kasse den Titel laut wiederholen und die Blicke der Damen würden mich treffen. Daher stöberte ich verlegen in den Bücherregalen umher. Was ich fand, veränderte mein Leben: Es war ein Bändchen mit dem Titel »Religionen«, auf dem Cover eine untergehende Sonne, und der Autor, 1932 geboren, hieß Adolf Holl: »Holl kennt die Hilflosigkeit derer, die im Glauben an das Handgreifliche, das Machbare erzogen worden sind, wenn sie gelebter Religion begegnen …«

»Ah, Religionen«, kommentierte die Buchhändlerin, als ich zahlen wollte. Aber das schien weniger verwerflich als die Beschäftigung mit Sexualität. Adolf Holls Bücher tragen seltsame Titel: »Mitleid im Winter«, »Mystik für Anfänger« oder »Der Fisch aus der Tiefe – die Freuden der Keuschheit«. Der ehemalige Priester befindet sich im Zustand der fröhlichen Gottlosigkeit. Man könnte auch sagen, seine Haltung ist eine aufgeklärte und der Religion nicht abgeneigte Suche nach Zärtlichkeit. Das wird deutlich in seiner Biografie über Franz von Assisi, der Holl den provozierenden Titel gegeben hat: »Der letzte Christ«.

Natürlich war dieser Franz verliebt in Klara. Schade war nur, dass es seinem Lebensprogramm nicht mehr entsprach, das Bett mit einer Frau zu teilen, als er sie kennenlernte. Franz wollte zu den Gedemütigten und Beleidigten gehen. Man kann nicht alles haben, wenn man Gott finden will. Manchmal haben Franz und Klara auch zusammen gegessen, einmal hat Klara davon geträumt, mitten im Winter würden für ihre Liebe die Rosen erblühen. Bei aller Entschiedenheit, sich Gott zuzuwenden, wird das Franz nicht kaltgelassen haben.

Zehn Jahre nach meiner Lektüre – ich hatte zufällig einen Franziskaner auf der Autobahn kennengelernt – sitze ich in Straßburg im Kloster, für einen Tag zu Besuch: Wie beiläufig sagt mir dort Christian, er glaube, es könne keine Liebe ohne Zärtlichkeit geben, aber er wisse noch nicht, was das für sein Leben im Kloster bedeute.

Adolf Holl, der Priester aus Wien, hatte sich entschieden. Die Liebe zu einer Frau hatte ihn sein Priesteramt gekostet, aber aus seiner Pfarrkirche, das beichtete er mir, nahm e

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