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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Freunde für zwei Tage

von Dirk Baas vom 19.12.2014
Am Heiligen Abend des Jahres 1914 lassen Tausende Soldaten plötzlich die Waffen ruhen. Sie tauschen Geschenke aus, singen Lieder und beerdigen gemeinsam die Toten. Warum konnte aus dem kleinen Weihnachtsfrieden kein großer Friede werden?

Deutsche, Briten, Belgier und Franzosen liegen sich in den flämischen Schützengräben gegenüber. Zerschossen und aufgewühlt ist die Landschaft. Im feuchtkalten Morast der Minenfelder verwesen die Körper Tausender gefallener Soldaten. Zu gefährlich ist es, sie aus dem oft nur einige Dutzend Meter breiten Niemandsland zu bergen. Durch die endlosen Schützengräben kriecht unaufhaltsam die Winterkälte. Stumpf vegetieren die Landser vor sich hin. Der britische Gefreite Frederick W. Heath sitzt trübselig in seinem Unterstand. In Gedanken ist er in der fernen Heimat. Er sinnt darüber nach, wie wohl seine Familie das Fest begeht – ohne ihn. Aus seinen Aufzeichnungen, die am 9. Januar 1915 in der britischen »North Mail« erschienen, wissen wir, wie es zum legendären Weihnachtsfrieden kam, zu den seltsamsten Stunden des Ersten Weltkrieges.

Am Abend des 24. Dezember klart der Himmel an der Front in Flandern rund um Ypern auf. Frost senkt sich auf die Landschaft, die Sicht auf den Feind ist gut. Da sieht Heath ein Flackern in der Dunkelheit. »Zu derart später Stunde war ein Licht im feindlichen Schützengraben selten, sodass ich Meldung erstattete. Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, da leuchteten weitere Lichter auf.« Schließlich, so berichtet Heath, »drang ein wohl einzigartiger Gruß an unser Ohr: ›English soldier, English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!‹« Deutsche Soldaten nähern sich vorsichtig im Todesstreifen. Langsam kommen sie näher, Schritt für Schritt. Heath ist fassungslos. Das ist der Feind! Doch das Gewehr, das er schon im Anschlag hat, lässt er sinken. Er und seine Kameraden erkennen in den armseligen und verdreckten Gestalten im Niemandsland sich selbst wieder. Genauso sehen sie ja auch aus! Und genauso fühlen sie sich: voller Wehmut, weil sie Weihnachten viel lieber in Frieden, mit ihren Familien verbringen würden.

Wohl weil in den Gräben nur wenig Platz ist, haben die Deutschen ihre Tannenbäumchen auf die Wälle ihrer Schützengräben gestellt und die Kerzen angezündet. Hell strahlen die Lichter in der Dunkelheit. Die Briten, die eine tödliche Finte des Feindes vermuten, sind zunächst unschlüssig. Was sollen sie tun? Plötzlich erklingt Gesang aus den Gräben: »Stille Nacht, heilige Nacht …« Die Briten antworten mit eigenen Liedern. Was ihr könnt, können wir auch!, scheinen sie zu sagen. Weihnachten habt ihr nicht für euch gepachtet. Auch wir sind Christen. Und auch wir kennen d

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