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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Sozialprotokoll
»Es ist sehr chaotisch«

von Sara Mierzwa vom 19.12.2014
Peter L. (61 Jahre) ist ein Messie und leidet unter Einsamkeit. Seit dem Tod seiner Mutter versucht er sein Leben aufzuräumen

An meinem Jackett trage ich diese Pinguinbrosche, weil ich das Sozialverhalten der Pinguine mag: Die Pinguinmännchen stehen beim Brüten im Kreis und wärmen sich gegenseitig. Währenddessen werden sie von den Weibchen mit Fisch gefüttert. Das finde ich gut! Ich habe mich oft nach einer Partnerin gesehnt, aber selten eine gehabt. Meine Mutter war immer dagegen. Jetzt ist sie tot und ich muss mich nicht mehr um sie und ihre Meinung kümmern. Das befreit mich.

Die meiste Zeit in meinem Leben habe ich mich einsam gefühlt. Angefangen hat es schon in meiner Kindheit, als ich drei Jahre lang wegen eines Hüftfehlers im Bett liegen musste. Meine ältere Schwester las mir Goethe und Heinrich Heine vor. Ich habe lesen, schreiben und rechnen gelernt, weil ich so viel Zeit hatte. Als ich dann in die Grundschule gekommen bin, war mir langweilig. Meine Lehrer fanden mich faul, unkonzentriert und unordentlich. Zu meinen Mitschülern hatte ich wenig Kontakt. Stattdessen habe ich unter den Birken in unserem großen Garten gesessen und Bücher gelesen.

Mit dreizehn Jahren habe ich mit trinken und rauchen angefangen – bis heute. Das ist das Schmerzmittel meiner Einsamkeit gewesen. Nach der Schule wollte ich immer Meteorologe werden, weil ich als Kind so gerne in den Himmel geschaut habe. Die Wolkenbilder verändern sich immer, und ich wollte herausfinden warum. Doch meine Noten waren nicht gut genug – nur in Physik und Mathe hatte ich eine Eins.

Stattdessen habe ich dann Sozialpädagogik studiert. Die 24- und 48-Stunden-Schichten als Sozialarbeiter in einem Haus für alleinstehende und wohnungslose Männer haben mich noch einsamer gemacht. Um nach der Arbeit runterzukommen, habe ich viel getrunken. Dann wurde ich psychisch krank und frühberentet. Einige Zeit habe ich in einem Altersheim gelebt und jetzt in einer Wohnung, die mir meine Eltern gekauft haben.

Bei mir sieht es sehr chaotisch aus. Wenn jemand aufräumt, geht meine ganze Ordnung kaputt. Das konnte ich schon bei meiner Mutter nicht leiden. Auf meinem Küchentisch stehen eine Vase mit Plastikrosen und ein Aschenbecher. Daneben eine Tube Fußcreme und frisch gewaschene Wäsche. Ich habe viel zu viel Kram. Schauen Sie sich hier doch mal um: Kamera, teure Klamotten, Brillen und Bücher! Ich kaufe mir gerne Dinge, weil mich die Verkäuferinnen dann so nett anlächeln und sich mit mir unterhalten. Danach ärgere ich mich un

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