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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Die leise Revolution

von Eva-Maria Lerch vom 19.12.2014

Gestern habe ich mein altes Studienbuch aus Münster wiedergefunden. Als ich es aufschlug, erschrak ich über mein blasses Mädchengesicht auf dem Passfoto. Und über die Signatur: »Unterschrift des Studenten« stand darunter. Kein Schrägstrich, kein großes I. Eva, der Student. Damals fand ich nichts dabei, dass wir Frauen immer nur »mitgemeint« und auch in der Kirche als »Brüder« bezeichnet wurden. Ich weiß nicht mal, ob ich das Wort »Emanzipation« überhaupt schon kannte, als ich Ende der 1970er-Jahre an die Uni kam.

Die wenigen Feministinnen, die ich damals dort antraf, überzeugten mich auch erst mal nicht. Wenn sie bei studentischen Aktionen auf die Bühne traten, hatte ich kaum das Gefühl, dass ihre Forderungen mich angingen. Sie waren heftig, laut und schrill, und sie machten mir Angst.

Ein paar Semester später aber zog ich in die Sophienstraße – in eine Wohnung, die direkt über dem ersten und einzigen Frauenbuchladen in Münster lag. Dieser Buchladen war eine Art Bastion: An der Tür hing eine große lila Faust, und Männer hatten keinen Zutritt. Weil ich immer was zu lesen brauchte und der Laden nun mal im Haus war, schlich ich mich oft hinein, schaute mich schüchtern um und begann zu lesen: Alice Schwarzers »Der kleine Unterschied«, Simone de Beauvoirs »Eine gebrochene Frau«, Doris Lessings »Das goldene Notizbuch« und viele Bände der rororo-Reihe »Neue Frau«. Mit den Ladenfrauen nahm ich kaum Kontakt auf, aber oben in meinem WG-Zimmer stürzte ich mich in die Lektüre.

In der stillen Weise, wie Bücher nun mal wirken, tat sich für mich eine neue Welt auf. Ich begann, meine Erziehung in Zweifel zu ziehen, meine Zwänge, meine Sprache. »Die Scham ist vorbei« von Anja Meulenbelt lag lange unter meinem Kopfkissen. Es war eine leise, eine lesende Revolution, die damals in mir – wie in vielen anderen jungen Frauen – vorging. Es waren die Bücher, die uns befreiten.

Einige Frauenbücher sind Klassiker geworden, doch die meisten sind aus den Regalen verschwunden. Der Laden in der Sophienstraße verkauft jetzt Lederwaren. Meine 19-jährige Tochter hat, soweit ich weiß, noch nie so ein Frauenbuch gelesen. Dafür ist sie gleich nach dem Abi ein Jahr nach Afrika gegangen und hat soeben ein Ingenieurstudium begonnen. An der TU wird sie nicht mehr als »Student«, sondern als »Studierende« geführt. Wenn es auch schade ist,

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