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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer
Mehr Mittelmaß!

vom 19.12.2014

Mir geht es wie den meisten Menschen. In ein bis drei Dingen bin ich gut, in ein bis drei weiteren Dingen schlecht, im Rest irgendwie dazwischen. Früher akzeptierte man das klaglos und erfand die schöne zivilisatorische Errungenschaft der Arbeitsteilung. Wer toll im Sockenstricken war, strickte Socken für sämtliche Verwandtschaftsbabys. Wer toll Autos reparieren konnte, schaute beim Nachbarn mal unter die Kühlerhaube. Alles fein also. Aber irgendwann hörte das auf.

Heute gibt es für alles nur noch eine einzige akzeptable Kategorie: die absolute Meisterschaft. Normalgewicht ist auch außerhalb des Heidi-Klum-Kosmos ein Synonym für dick, jeder IQ diesseits der Hochbegabung eine echte Enttäuschung. Während es auch in bürgerlichen Kreisen mal okay war, ab und an eine Dose Ravioli aufzusäbeln, gilt eine solche Handlung mittlerweile als Hallo-wach-Moment, sein Leben mal ganz genau zu überdenken. Unter das Niveau eines Bocuse sollte keinesfalls fallen, wer sich an den Herd stellt. Klappt natürlich selten, genauso wie 98 Prozent der Menschheit nicht hochbegabt sind. Die Folge: kollektive Minderwertigkeitskomplexe.

Zwischenmenschlich kann das hässlich werden. Das Leben und Tun anderer mit kleinen Spitzen zu kommentieren (natürlich »wertfrei gemeint«) ist längst nicht mehr das Klischee-Terrain anstrengender Schwiegermütter, im Gegenteil: Während die Schwiegermutter zum Kaffee frohgemut ihren seit vierzig Jahren bewährten Marmorkuchen auftischt, liefert sich die Schwiegertochter mit den zwei linken Händen in der Nacht vorm Kindergeburtstag aus Angst vor ihren Freundinnen einen aussichtslosen Kampf mit dem Krümelmonster-Maul auf der Motivtorte.

Gerade in der Weihnachtszeit lauern Fallstricke. Ich habe den Adventskalender für mein großes Kind nicht selbst gebastelt. Nette, sich selbst als »unkompliziert« beschreibende Gäste bauen mir bei seinem Anblick scheinheilig goldene Verteidigungs-Brücken: »Du hast ja mit dem Baby bestimmt mehr als genug um die Ohren.«

Nein, ich habe keinen Schoko kalender aus dem Supermarkt aufgehängt (auch wenn ebendiese Modelle bei mir die romantischsten Kindheitserinnerungen wachrufen). Bei dem bekrittelten Objekt handelt es sich um liebevoll gestaltete, von mir befüllte Stoffsäckchen einer anerkannten Öko-Kinderzeugs-Firma. Harte Zeiten für Kreativ-Grobmotoriker wie mich.

Meine Freundin Jule v

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