Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2013
Da sein, wo die Wunden der Welt sind
Der Inhalt:

Schreiben über Flucht und Folter

von Valentin Schönherr vom 20.12.2013
Verliebt in die deutsche Sprache: Abbas Khider erhält den Nelly-Sachs-Preis

Manche Dinge scheinen zu schrecklich, um sie in der Muttersprache zu beschreiben: Abbas Khider zumindest braucht den Abstand einer fremden Sprache. Der aus dem Irak stammende Autor schreibt seine Romane auf Deutsch; auf Arabisch könne er seine Geschichten nicht erzählen, sagt er. Die Distanz habe er nötig, denn immer geht es in seinen Büchern um die eigenen schmerzvollen Erfahrungen und die seiner Generation.

Aufgewachsen ist Khider in den bleiernen Jahren des irakisch-iranischen Golfkriegs, zwischen Propaganda, Bombardements und Todesmeldungen. 1991 schien sich die Welt zu öffnen: Nach dem Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait hatten UN-Truppen das Golfemirat befreit, und die USA ermunterten die irakische Bevölkerung zum Aufstand gegen den Diktator. Auch Abbas Khider – 17 Jahre alt und idealistisch – verteilte Flugblätter gegen Hussein, als Schiiten und Kurden mehrere Städte des Iraks unter ihre Kontrolle brachten und mit dem baldigen Ende der Diktatur rechneten. Doch dann änderten die Amerikaner ihre Strategie. Sie schlossen Waffenstillstand mit Saddam, und der erhielt freie Hand, den Aufstand niederzuschlagen. 1993 kam Khider ins Gefängnis.

Er erlitt Hunger und Erniedrigung und wurde immer wieder gefoltert. 1996 gelang die Flucht aus dem Irak. Nun begann jene düstere Reise, die er mit so vielen Menschen teilt: Untergetaucht mal im Nahen Osten, mal im Maghreb, lauerte er auf jede Gelegenheit, irgendwo Sicherheit zu finden, ein normales Leben führen zu können. 2000 nahm das für ihn ein glückliches Ende. Über die Türkei, Griechenland und Italien war er gerade nach Schweden unterwegs, als ihn im Fränkischen die Polizei aus dem Zug holte. Er erhielt Asyl und wenig später die deutsche Staatsbürgerschaft.

Heute lebt Khider als erfolgreicher Schriftsteller in Berlin-Neukölln. »Der falsche Inder« erzählt von einer Fluchtgeschichte durch den Mittelmeerraum, die der seinen ähnelt; »Die Orangen des Präsidenten« handelt von einem Abiturienten im Irak, der unschuldig ins Gefängnis kommt. Beim »Brief in die Auberginenrepublik« geht es um einen Liebesbrief, den ein in Libyen gestrandeter Flüchtling 1999 auf die gefährliche Reise über Kairo und Amman nach Bagdad schickt. So entsteht ein Porträt der stagnierenden Gesellschaften, Jahre vor dem »Arabischen Frühling«. Das alles ist literarischer Stoff, der bis vor Kurzem auf dem deutschen Buchmarkt noch ein Schattendasein fristete.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen