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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2013
Da sein, wo die Wunden der Welt sind
Der Inhalt:

Sansibar geht unter im Hass

von Thomas Seiterich vom 20.12.2013
Säureattentate gegen Priester und junge Christinnen: In dem Ferienparadies am Indischen Ozean beginnt eine brutale Christenverfolgung

Zwischen den Jahren ist Hochsaison. Zu Tausenden fliegen weiße Urlauber ein. Oberflächlich betrachtet ist auf der »Trauminsel« Sansibar, jener einzigartigen Mischung aus Indien, Persien, Arabien und Ostafrika, alles schön und entspannt wie immer. Doch im heißen, abgedunkelten Büro von Father Cosmas Alphonce Shayo verfliegt jede Ferienstimmung.

»Vor einem Jahr zählte die Diözese 16 Geistliche, jetzt sind wir nur noch 10«, sagt Father Cosmas. Sein Büro liegt im Schutz hoher Mauern neben der Saint Joseph’s Cathedral in der historischen Inselhauptstadt Stone Town. Der Pfarrer zeigt auf zwei große Bilder. Das eine zeigt Tansanias Staatspräsidenten Kikwete, das andere einen beleibten Priester von etwa vierzig Jahren. »Das ist Father Evaristus Mushi, mein Vorgänger«, sagt der drahtige Mittsechziger Cosmas. »Evaristus wurde erschossen am 17. Februar, dem ersten Fastensonntag. Muslimische Fanatiker haben ihn getötet.«

Beklommenheit macht sich breit. »Wir waren als kleine christliche Minderheit auf Sansibar immer auf das gute Miteinander mit den Muslimen angewiesen«, erzählt Cosmas. »Früher ging das gut, viele Muslime besuchten uns zu Weihnachten.«

Rund 98 Prozent der Sansibaris zählen sich zum Islam. Doch diese Religion wandelt sich. Aus dem ehedem toleranten Islam ostafrikanischer Prägung droht ein Fundamentalismus zu werden. Dieser politisch radikale Islam strebt die Sezession an, die Loslösung von der religiös gemischten Republik Tansania. Mit dem Ziel, einen islamischen Scharia-Staat zu errichten.

Der Hass trifft nicht allein die Christen. Das Gesicht des islamischen Theologen Sheikh Fadhil Suleiman Soraga ist entstellt. Man kann dem gepeinigten Mann kaum in die Augen schauen. Sein rechtes Auge ist erblindet. Wo ein Ohr war, klafft nun ein Loch. Wulstige Narben verunstalten sein Gesicht. Er kann den Mund nicht schließen. Den aus dem Mundwinkel sickernden Speichel fängt er mit einem Tuch auf. »Schauen Sie: So sieht es aus, wenn ein Mensch zerstört wird«, sagt Soraga.

Der Korangelehrte, der in Medina Theologie studiert hat, setzt seine Arbeit trotz der Leiden fort. Er bekämpft den aus Saudi-Arabien eindringenden intoleranten, wahabitischen Islam. Aufklärer Soraga ist die rechte Hand des Muftis, des Oberaufsehers für islamische Fragen auf Sansibar.

»Sheik Soraga wurde am

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