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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2013
Da sein, wo die Wunden der Welt sind
Der Inhalt:

Liest du noch – oder guckst du schon?

von Norbert Copray vom 20.12.2013
Der Geist der Zeit wird jetzt am Bildschirm geformt. Ein Kulturverfall ist das nicht

Klicken wir uns das Gehirn weg? Nicht mehr das dicke Buch, sondern der flache Bildschirm scheint den Geist der Zeit zu formen. Die deutschen Fernsehzuschauer schauen im Schnitt vier Stunden pro Tag in die Röhre. Jeder Internetnutzer war in diesem Jahr täglich 169 Minuten online. Macht zusammen sechs bis sieben Stunden Filme, Videos, Onlinekontakt.

»Digitale Demenz« nennt der Psychologe Manfred Spitzer sehr aufgeregt die Auswirkungen der Internet- und Smartphone-Nutzung. Fast Food für’ s Hirn erweiche es, statt es zu ertüchtigen. Auch Pädagogen und Kulturschaffende warnen vor einer digitalen Epidemie, die man bekämpfen, einschränken, abschwächen müsse, wenn nicht die Intelligenz und Sozialkompetenz der Menschen zum Teufel gehen solle.

Es ist gerade mal 200 Jahre her, da wurde die geistige Elite des Landes von einer ähnlichen Sorge bewegt. Denn die »Lesesucht«, die nicht selten zur »Lesewut« ausarte, habe sich so allgemein verbreitet, dass in allen Ständen und sogar schon in den mittleren und niederen Volksklassen gelesen werde! In allen Orten und Gegenden würden nun Lesezirkel etabliert, und – um nur recht viel lesen zu können – so sehr erweitert, dass man alles, was man nur lesen kann, in dieselben hereinziehe. So etwa tönte Samuel Christian Wagner 1801 in der Zeitschrift Patriotisches Archiv für Deutschland. Lesen und Schreiben wurden als modernistische Kulturtechniken heftig kritisiert. Sie galten als Verderbnis, vor allem der Jugend, als dekadent und amoralisch. Das Schlesische Provinzblatt von 1806 diagnostizierte: »Reißt das Bücherlesen erst so sehr ein, dass es selbst die arbeitsame Volksklasse ergreift, den Künstler und Handwerker fesselt und aus seiner Werkstatt verscheucht, ergreift es insbesondere die noch unbefestigte Jugend, deren Grundsätze noch hin und her schwanken«, so werde man bald die Fleißigen nicht mehr bei der Arbeit, sondern »mit dem Roman oder Zeitungsblatt in der Hand müßig und geschäftslos erblicken«. Lesen und Schreiben sollten bestimmten Schichten oder Professionen vorbehalten bleiben, hieß es, weil sie nur so in eine soziale und moralische Ordnung eingebunden wären.

Wie sich die Szenarien gleichen! Seinerzeit der Kampf gegen das Lesen, heute der Kampf gegen das Gucken. Dabei ist das Gucken dem Menschen von jeher gegeben, der Mensch ist ein Voyeur, ein Beobachter, ein Sehender. And

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