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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2012
Jesu Geburt: Die Würde der Ohnmächtigen
Der Inhalt:

Welcher Konflikt – und wenn ja, wie viele?

von Tilman Vogt vom 21.12.2012
Die Friedensbewegung findet in Israel immer weniger Partner. Gleichzeitig wächst die Gefahr einseitiger Lösungsansätze

Mit solchen wunderhaften Verwandlungen kann wohl nur eine wahrhaft »Heilige Stadt« aufwarten: In Jerusalem wird Stadtpolitik zu Weltpolitik. Mit der Entscheidung, den Siedlungsbau fortzuführen und das Westjordanland damit praktisch zu zerschneiden, hat die israelische Regierung für einen weltweiten Sturm der Entrüstung gesorgt – wieder einmal. Auch Freunde und Verbündete Israels sind konsterniert über den politischen Autismus Benjamin Netanjahus, von dessen Wiederwahl 81 Prozent der Israelis ausgehen. Diese überwältigende Zahl zeigt, dass der internationalen Friedensbewegung, abgesehen von einigen zunehmend ergrauenden Kämpen, in der israelischen Gesellschaft die Partner ausgehen. Angesichts der Hilflosigkeit und Ohnmacht wächst bei den Engagierten weltweit der Frust – und die Gefahr eines allzu einseitigen Blickes auf den Nahost-Konflikt.

Der Grund für die – ebenfalls durch eine lange Kette von Frustrationen genährte – Verhandlungsmüdigkeit bis weit ins linke Lager der israelischen Gesellschaft hinein, kann so kaum mehr zur Kenntnis genommen werden. Die Schriftstellerin Zeruya Shalev brachte die herrschende Stimmung so auf den Punkt: »Es ist zum Verzweifeln: Jedes Stück Land, aus dem Israel abzieht, füllt sich mit Extremisten, die es vernichten wollen, und nicht mit friedlichen Kräften, die an seiner Seite leben wollen.« Für einen gerechten Frieden können sich aber nur jene einsetzen, die diese verbreiteten Bedenken ernsthaft in die Lösungsansätze mit einbeziehen. Oft ist allerdings das Gegenteil der Fall: Aus Unverständnis wird Verständigungs- und schließlich Empathielosigkeit. Als Freundschaftsdienst für Israel deklariert, wird in einem teilweise unbedachten Aktivismus dafür getrommelt, Israel von möglichst vielen Seiten unter Druck zu setzen, um so die Lösung »des« Nahost-Konflikts zu erzwingen. Allerspätestens seit dem Arabischen Frühling lässt sich jedoch kaum mehr von »dem einen« Konflikt in der Region sprechen.

Die von vielen interessierten Akteuren der Gegend betriebene Inszenierung des Streits um das Westjordanland als Fundamentalproblem des gesamten Raumes sollte nicht dafür blind machen, dass im Nahen Osten eine Vielzahl ungelöster und zumeist von immenser Gewalt geprägter Herrschaftsverhältnisse ineinanderlaufen. Sich diese mit all ihren explosiven Implikationen durch den Bau möglichst hoher Mauern vom Leib zu halten ist der nicht moralisch, aber unmittelbar strategisch nachv

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