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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2012
Jesu Geburt: Die Würde der Ohnmächtigen
Der Inhalt:

»Mit den Zehen fangen sie an«

von Annette Lübbers vom 21.12.2012
Als Kind kämpfte Samson Kidane aus Eritrea gegen die äthiopische Besatzung. Heute lebt er als Musiker in Köln

Köln war für mich das Paradies. Ich hatte ein Dach über dem Kopf und ich hatte genug zu essen. Ich war von Freunden umgeben und konnte in Frieden schlafen. Das ist selbst nach so vielen Jahren noch keine Selbstverständlichkeit für mich. Wenn man im Krieg groß geworden ist, dann weiß man um das Glück der kleinen Dinge.

Natürlich ist es nicht immer einfach, als Schwarzer in Deutschland zu leben. Auch wenn es in Köln viele Afrikaner gibt und wir eine verschworene Gemeinschaft sind. Köln ist eine Multi-Kulti-Stadt, aber auch hier gibt es Rassismus. Menschen, die die Kinder von Einwanderern nicht als Deutsche betrachten, obwohl diese doch hier geboren sind.

Ich bin Deutscher, Eritreer und Afrikaner. Geboren wurde ich 1968 in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf namens Himbrti. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören die Bomben, unter denen die äthiopischen Machthaber den Freiheitskampf meines Volkes begraben wollten.

Ich muss sieben oder acht Jahre gewesen sein, da saß ich mit meinen Großeltern – meine Mutter lebte damals schon in Beirut – in der Küche beim Abendessen. Plötzlich krachte es. Wenige Meter neben uns schlug eine Bombe in unser Schlafzimmer ein. Wir Kinder kannten gar nichts anderes. Oft versteckten wir uns vor den Flugzeugen mit ihrer grausamen Fracht in Berghöhlen. Meine Großeltern wollten mich damals im Sudan in Sicherheit bringen. Nicht weit von unserem Dorf entfernt ließ mich mein Fluchthelfer zurück, um den Weg auszuspähen. Er kam nie zurück.

Ich meldete mich freiwillig bei der Eritreischen Befreiungsfront als Soldat – da war ich elf Jahre alt. Als Kindersoldat habe ich mich dennoch nie gesehen. Nur als Freiheitskämpfer. Anders als in anderen afrikanischen Ländern wurde ich ja nicht zum Kämpfen gezwungen. So lernte ich früh, dass das Leben vergänglich ist. Es gab keinen Alltag, keine Geborgenheit in der Familie, keine Sicherheit – und lange war ich davon überzeugt, dass es auch keine Zukunft gibt. Vor einer Stunde noch hattest du einen Freund an deiner Seite – und dann ist er plötzlich tot. Erschossen, erschlagen, von Bombensplittern durchsiebt. Alle Kämpfer meiner ersten Einheit wurden getötet. Eine andere Einheit nahm mich auf, weil ich die Krar – das ist ein ähnliches Instrument wie die westafrikanische Harfe Kora – spielen konnte. Die Musik u

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