Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2012
Jesu Geburt: Die Würde der Ohnmächtigen
Der Inhalt:

Es begab sich aber zu der Zeit

von Klaus-Peter Hertzsch vom 21.12.2012
Der Chronist Lukas erzählte die Weihnachtsgeschichte. Daten nahm er nicht so ernst. Seither ist die Zeit unser Reichtum

Es begab sich aber zu der Zeit«: So beginnt die biblische Weihnachtsgeschichte. Mein Sohn sagt mir: »Für mich und meine Freunde sind die Tage nicht Abläufe, sondern ein einziger Augenblick, den wir als Chance ergreifen – oder versäumen – können.« Mein Enkel sitzt an seinem Computer, und ich frage mich: In welcher Zeit lebt er mit seinen Spielen? Wenn selbst der Papst sich über das Internet an mich wendet, wie kann ich dann noch den Lukas-Text verstehen?

Alles begibt sich zu irgendeiner Zeit: der Steinzeit, der Goethe-Zeit, der Nachkriegszeit, der Jugendzeit, der Sommerzeit, der Weihnachtszeit. Wir nehmen uns Zeit. Wir vertreiben uns die Zeit. Wir versuchen, uns das unendliche Meer der Zeit überschaubar zu machen, indem wir Linien ziehen und Raster darüberlegen: Zeittafeln, Kalender, Zifferblätter. Wenn unsere Uhren die volle Stunde, den runden Geburtstag, das Millennium anzeigen, stellen wir uns vor: Hier ist ein Einschnitt, jetzt beginnt etwas Neues. Und wir wissen doch: Die Zeit läuft über all das ungerührt hinweg.

Johann Gottfried Herder, Dichter und Theologe, schreibt: »Wie Schatten auf den Wogen schweben und schwinden wir / und messen unsre trägen Tritte nach Raum und Zeit / und sind – und wissen’s nicht – in Mitte der Ewigkeit.« Da kommt nun der in den Blick, der nicht in der Zeit lebt: der Ewige, der Ur-Frühe und Letzt-Späte, wie der alte weise Jude Martin Buber ihn genannt hat: Gott. Vor ihm, so erzählen die Psalmen, sind tausend Jahre wie ein Tag.

Im Weihnachtsevangelium wird Gott Mensch. Er kommt in die Zeit. Dies ist ein wirklicher Einschnitt. An ihn wollten sich die Menschen erinnern, als sie eines Tages beschlossen, ihre Jahre von nun an als Jahre nach Christi Geburt zu zählen: Die Menschheit begann damit zu rechnen, dass Gott die Zeit nicht nur lenkt, sondern sie mit uns teilt. Dies will Lukas – dessen Evangelium Jahrzehnte nach Jesu Tod entstand – deutlich machen, wenn er die Weihnachtsgeschichte mit den Worten beginnt: »Es begab sich aber zu der Zeit …«

Zu welcher Zeit? Wir bekommen eine doppelte Antwort. »Zu der Zeit« lässt sich genauer übersetzen mit »in jenen Tagen« und bezieht sich auf das, was im Kapitel zuvor berichtet wird: Elisabeth, Marias Verwandte, erwartet ebenfalls ein Kind. Die beiden Schwangeren besuchen einander, dann wird Elisabeths Sohn Johannes geboren. Es ist also eine sehr private, eine intime Gesch

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen