»Lebst du noch zwei Jahre?«
Ich frage sie manchmal: Wie wär es, wenn du noch zwei Jahre lebst?« Im Kochtopf brodelt es. Lilian Cuaresna rührt Huhn, Lauch und Kürbisstücke um. Mit Schürze, die schwarzen Haare hochgesteckt, steht sie in der kleinen quadratischen Küche einer Bauhauswohnung in Tel Aviv. Gegen den aufsteigenden Rauch bildet die glatte, olivfarbene Stirn der 54-Jährigen eine senkrechte Falte. Seit sie vor elf Jahren von den Philippinen nach Israel kam, pflegt sie die 98-jährige Rachel Koniak. Aber in letzter Zeit wird das tagtägliche Waschen, Ankleiden, Füttern und die Verabreichung von Medikamenten immer beschwerlicher. Denn Rachel ist bettlägerig. Ihre unregelmäßigen Schlaf- und Wachzeiten bringen für Lilian Tag und Nacht durcheinander. Lilian wirkt gestresst, dennoch bemüht sie sich um ein Lächeln. Im Kochtopf rührt sie etwas vehementer. Ihr Schicksal ist eng mit Rachel verknüpft. Wenn Rachel stirbt, muss Lilian das Land verlassen. Sie ist eine von 45 000 registrierten Pflegerinnen. Und nach dem israelischem Bindegesetz dürfen die ihren Arbeitgeber nicht wechseln. Zwar hat das hohe Gericht diese Zustände schon 2006 als »moderne Sklaverei« verurteilt. Daraufhin wurde das Bindegesetz vom Innenministerium gelockert: Die neuen Regelungen gelten allerdings nur für diejenigen, die sich weniger als fünf Jahre im Land aufhalten.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
